Mag Brasilien auch als christliches Großreich gelten – Wörter wie Nikolaus, Heiligabend und Weihnachten sind in Rio de Janeiros Templo da Humanidade völlig fremd. Hier schreibt man nicht den 1. Advent, nicht den 2. Dezember 2007, sondern den Cósme de Médicis, Frederico II. im Jahre 218 nach dem Fall der Bastille. Und wie an jedem 7. Wochentag aller 13 Monate des Jahres schließt Danton Voltaire Pereira de Souza die Pforten des »Tempels der Menschheit« auf, um einen etwas anderen Gottesdienst zu zelebrieren. Getreu dem Wahlspruch, der über dem Portal geschrieben steht: »Die Liebe als Leitfaden, die Ordnung als Fundament, dem Fortschritt zum Zweck«.

Es sind nur eine Handvoll Menschen in die Rua Benjamin Constant 74 gekommen; sie drücken sich in die kerzengerade aufgereihten Stühle. Aber Danton Voltaire ficht das nicht an. Die Religion der Vernunft wird am Ende doch siegen. Bevor Danton ein paar Sätze aus einem Brevier über Frederico II., Friedrich den Großen, liest, den Aufklärer auf dem Preußenthron und Namensgeber dieses Monats im positivistischen Kalender, lässt er die Fahnen hissen: die brasilianische Fahne mit dem Kreuz des Südens und dem Wahlspruch Ordem e progresso, »Ordnung und Fortschritt«, und die Trikolore, die Fahne der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Als Kirchenlied gibt es eine Beethoven-Sinfonie

Der Lesung folgt das Gebet »Im Namen der Menschheit: die Liebe als Leitfaden, die Ordnung als Fundament, dem Fortschritt zum Zweck«. Dann kommt die Predigt mit Ausführungen über die Zerebral-Doktrin. Sie sei kurz zusammengefasst: Die menschliche Seele besteht aus drei Sphären – der Sphäre der Gefühle, der Sphäre der Intelligenz und jener der Aktivität. Diese unterteilen sich in altruistische und egoistische Sektoren. Die Kenntnis von der Mechanik unserer Seele verhilft uns dazu, zum Segen des Fortschritts den Altruismus über den Egoismus siegen zu lassen. So soll es sein!

Danton Voltaire schaltet ein Band ein und lässt einen Satz der Fünften Sinfonie von Beethoven erklingen, sein Ministrant ruft die Gemeinde zum Schlussgebet auf: »Wir öffnen unsere Herzen der Menschlichkeit. […] Wir widmen unsere Kräfte der Überwindung des Egoismus. […] Wir gedenken des großen Meisters Auguste Comte und seiner unbefleckten Inspiratorin, denen wir die Erleuchtung der Menschheit verdanken!«

Nach einer weiteren Musik vom Band geht die Gemeinde auseinander. Danton Voltaire Pereira de Souza bleibt mit den Schlüsseln in der philosophischen Kathedrale zurück, in einem Bau mit dorischen Säulen, der am 19. Cäsar 93 (11. Mai 1881) vom Apostel der Menschheit, Miguel Lemos, geweiht wurde – im Namen des großen Auguste Comte und seiner Jungfrau Clotilde, im Namen der Vernunft und des Fortschritts! In der Sakristei sind die Ikonen der Positivistischen Kirche zu bewundern: Büsten des Philosophen und seiner platonischen Geliebten Clotilde de Vaux, dazu Porträts bedeutender Köpfe. Unter ihnen finden sich drei Gestalten der deutschen Geschichte: Karl der Große, Johannes Gutenberg und eben Friedrich II. von Preußen. Auf einem Vertiko liegen ein Stapel Traktate der Weltkirche und Folianten über Paris, das Rom der Positivisten, die Wiege der Aufklärung.

Draußen röhren die Busse über das Pflaster und stoßen tintenschwarze Wolken aus; die Kanaldeckel sind heiß wie Herdplatten, die Händler und Bettler haben sich unter die Markisen der Lagerhäuser verkrochen, die Tauben drücken sich oben um die tropfenden Kästen der Klimaanlagen. Aus einem Plattenladen hackt Techno-Sound in die Schwüle. Was hat Auguste Comte an der Copacabana zu suchen? Was soll dieses philosophische Phantom denn hier in diesem Geisterhaus? In Brasilien, ausgerechnet in Brasilien, unter dem Kreuz des Südens?