In Ian McEwans ausgeklügeltem neuen Roman Am Strand (On Chesil Beach), der in den sechziger Jahren spielt, hat die Hauptfigur und Musikstudentin Florence ein prägendes Erlebnis: Der Ort ist Wigmore Hall, wo die letzten Viktorianer "am Stock zu ihren Plätzen schlurften, um in wachem, kritischen Schweigen zuzuhören". Florence liebt Wigmore Hall, regelmäßig blättert sie für die Pianisten die Noten um. Einmal steht sie neben Benjamin Britten persönlich: "Auch Peter Pears war da, der ihr zehn Schillinge zusteckte, bevor er gemeinsam mit dem großen Komponisten das Haus verließ." Der Sänger Pears und der Komponist Britten (1913 bis 1976) hatten eine ziemlich einzigartige Partnerschaft. Der eine war die Stimme des anderen, und sie lebten nach ihren eigenen Regeln, so, wie Florence gerne mit Edward gelebt hätte – allein…

Brittens Ruhm und die Beliebtheit seiner Musik bis heute gründen vor allem auf zwei entscheidenden Daten. Zum einen ist es das Jahr 1945, in dem zwei Monate nach Kriegsende im Saddler’s Wells Theatre Brittens Peter Grimes aufgeführt wird, wie viele von Brittens Opern ist es die Geschichte eines Außenseiters. Grimes erobert als erste Oper eines Engländers (wie später Billy Budd und A Midsummernight’s Dream) die Bühnen der Welt. Britten kann, was ihm noch oft zum Vorwurf gemacht werden wird, sehr plastisch (und auch gefällig) schreiben; er will verstanden werden, auch und gerade von Kindern. Also reizt er die Grenzen der Tonalität nur gelegentlich aus und spricht eher selten (wie im späten, gewagten Streichquartett Nr 3. Opus 94) mit sich selbst. Und: Brittens Opern sind immer dankbare Choropern.

Als er es geschafft hat, nicht nur seine eigene English Opera Group aufzubauen, sondern auch noch ein Festival an seinem Wohnort Aldeburgh in Suffolk (wo Peter Grimes tatsächlich spielt) zu etablieren, schreibt er 1962 das War Requiem, zur Einweihung der von den Deutschen zerstörten und wieder aufgebauten Kathedrale von Coventry. Brittens Motto, das er sich vom Dichter Wilfred Owen borgt, spiegelt sein Denken wider: "The poetry is in the pity." Anders als George Orwell oder W. H. Auden, hat er nicht im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft, sondern ist als bekennender Pazifist nach Amerika emigriert. In den letzten drei Jahren des Zweiten Weltkrieges gibt er zusammen mit Pears (beide als Kriegsdienstverweigerer!) in Großbritannien Liederabende für Soldaten und Ausgebombte. War Requiem überhöht diese Erfahrungen synthetisch: Gleichzeitig ereignen sich Messe, Oratorium und Liederzyklus – und immer wieder schimmert Mahlers Achte durch. Brittens Glaube daran, dass die Menschheit mit Musik zu bessern sei, erhält sich lebenslang. Bis ins Alter hinein experimentiert er mit den Formen, ja, schreibt sogar mit Owen Wingrave explizit fürs Fernsehen. Brittens letztes vollendetes Werk ist eine Ode. Sie geht an einen Jugendchor.

Benjamin Britten : War Requiem, Deutsche Grammophon DG 437 801-2

Plattenrezensionen, Künstlerportraits, Bildergalerien und unser Festivalblog gibt's auf zeit.de/musik "

Sie wollen auf dem Laufenden bleiben? Klicken Sie hier , und unser RSS-Newsletter bringt Ihnen die Musik direkt auf den Schirm.