Zu gut, um wahr zu sein?

Zunächst einmal sollte man die EU emphatisch beim Wort nehmen. Von den großen Mächten ist sie in Afrika diejenige, die am deutlichsten als Strategie reklamiert, was Menschenrechts- organisationen und UN-Gremien seit Jahrzehnten beharrlich fordern: Wirtschafts-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik mit Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit in Einklang zu bringen – und dies endlich nicht mehr nur als moralisch richtig, sondern auch als realpolitisch sinnvoll zu begreifen. Als Nächstes kann man dann fragen: Wie weit klaffen Rhetorik und Praxis auseinander? Und gibt es wirklich eine kohärente Afrika-Politik der EU? Genauer gesagt: eine kohärente Afrika-Politik der Mitgliedsländer Frankreich, Großbritannien, Belgien und – mit Abstrichen – Italien, Portugal und Deutschland? Denn die ehemaligen Kolonialmächte geben auf diesem Feld den Ton an, nicht Tschechien, Dänemark oder Litauen.

Wer Werte predigt, muss wissen, welcher Ruf ihm vorauseilt. Die Rede ist gar nicht vom kolonialen Gepäck, das die EU von ihren mächtigsten Mitgliedern geerbt hat. Die Ära des Kolonialismus ist ohnehin Teil des kollektiven afrikanischen Gedächtnisses und prägen jeden Dialog, jeden Streit und jede Verhandlung mit Europa – auch und gerade im Fall Mugabe. Die Rede ist von der staatlichen "Entwicklungshilfe", die jahrzehntelang der einzige Fokus europäischer Afrika-Politik war. Was die großen Geberländer gemäß den ideologischen Vorgaben des Kalten Krieges und zur Erhaltung ihrer alten kolonialen Einflusssphären als Hilfe für die "Dritte Welt" verteilten, ist größtenteils unter dem Posten "geopolitisch motiviertes Schmiergeld" zu verbuchen, wie es der Schweizer Entwicklungshilfeexperte Stefan Niggli nennt. Das zahlte übrigens auch die Bundesrepublik, die damals in Afrika mit aller Kraft die DDR und ihre "sozialistische Bruderhilfe" übertrumpfen wollte. Einige Empfänger dieser Gelder sind heute noch an der Macht und werden in Lissabon mit am Verhandlungstisch sitzen. So viel zur Nachhaltigkeit falscher Politik in der Vergangenheit.

"Ich liebe Afrika, ich liebe die Afrikaner"

Von diesem Erbe kann sich die EU trotz neuer Afrika-Strategie so schnell nicht befreien. Frankreich ist dabei der eigenwilligste Kantonist unter den 27 Mitgliedern. Seine durchaus amerikanisch anmutende missionarische und paternalistische Machtpolitik war und ist im frankofonen Afrika immer wieder zu spüren. Bei der Verfolgung seiner Wirtschaftsinteressen gibt sich Paris ähnlich "pragmatisch" wie Peking oder Washington. Diktatoren, die Zugang zu Ölvorkommen bieten, waren und sind im Élysée willkommen, auch unter Nicolas Sarkozy. Der setzt dabei in seiner noch kurzen Amtszeit allerdings in jeder Hinsicht neue Maßstäbe – egal, ob er bei einem Blitzbesuch in Libyen Muammar al-Gadhafi mit Atomtechnologie und neuen Waffensystemen versorgt. Oder in Dakar in einer renommierten Universität vor senegalesischen Studenten ausruft: "Ich liebe Afrika, ich liebe die Afrikaner", um seinen verdatterten Zuhörern dann zu erklären, das "Drama Afrikas" bestehe darin, dass "der Afrikaner" in einem Naturzustand verharre, in dem es "weder Platz für das menschliche Abenteuer noch für die Idee des Fortschritts gibt". Dieser Auftritt dürfte zumindest in der frankofonen afrikanischen Öffentlichkeit weit mehr Eindruck hinterlassen als das Lissaboner Gipfel-Communiqué über die neue europäisch-afrikanische Partnerschaft.