Der Mann erinnert zunächst an den alten jüdischen Witz: "Darf man beim Beten rauchen?" – Fragt der Rebbe zurück: "Weshalb soll man beim Rauchen nicht beten?" Die schwere Zigarre ist bei Bischof Reinhard Marx schon so deutlich zum Attribut gediehen und ihm schon so oft als Markenzeichen angeklebt worden, dass er sich ernstlich überlegen sollte, zum Nichtrauchertum zu konvertieren – spätestens jetzt, da er von Papst Benedikt XVI. selbst zum Nachfolger berufen wurde, freilich "nur" auf den Stuhl des Erzbischofs von München und Freising. Es müsste mit einem negativen Wunder zugehen, wenn nicht in überschaubarer Zeit die Purpurrobe dazukäme. Aber ein Kardinal mit Zigarre? Was in Trier, Marxens bisherigem Bischofssitz, noch angehen mochte – wäre in München schon befremdlich, in Rom ziemlich sonderlich.

Aber auch in anderer Hinsicht wird sich Reinhard Marx nach und nach von den Gesetzen der Medienwelt emanzipieren müssen, will er nicht das gewissermaßen erfolgreiche Opfer eines plakativen Images werden. Natürlich, der erste Bischof gewesen zu sein, der für eine Weile eine Talkrunde leitete – wenn auch "nur" im Saarländischen Rundfunk, also in seiner Diözese –, das hat schon etwas. Aber ist es auch etwas für den Nachfolger des heiligen Korbinian an der Isar? Mit seiner kräftigen Statur und seiner nicht minder kräftigen Sprache ("Wir sind keine Wurstfabrik, die ein neues Label druckt"), kann er unbestritten als Star jeder Diskussionsrunde auftreten und für seine Kirche punkten. Aber passt das nicht doch eher zu einem noch nicht ganz zurechtgeschliffenen jungen Weihbischof als zu einem der beiden wichtigsten deutschen Erzbischöfe? Denn neben Köln (und früher, vor dem Zweiten Weltkrieg, Breslau) gilt München immer noch als Spitzenplatz im deutschen Episkopat, mit Auswirkungen, über die noch zu reden sein wird. Vor allem aber: Zuweilen droht das Image, das Reinhard Marx populär werden ließ, schon die Substanz zu überdecken, die ihn eigentlich ausmacht.

Reinhard Marx verbindet in seiner Person leidenschaftliches, auch grübelndes soziales Engagement mit einer doktrinären Fröhlichkeit – anders ausgedrückt: politisch und sozial links, theologisch unverkrampft konservativ. In einer der gegenseitigen Abstimmung dienenden Gesprächsrunde saßen vor Jahren protestantische Leiter und katholische Bischöfe um einen Tisch. Es ging um die Frage, ob nicht die "Einheitsübersetzung" der Bibel für die deutschsprachigen katholischen Bistümer zugleich die ökumenische Normbibel für evangelische und katholische Christen werden könnte. Die Protestanten verteidigten tapfer – gegen hinhaltend anwachsendes Unverständnis – ihre Luther-Bibel. Aber als einer ihrer Sprecher auch noch sagte, man könne doch nicht so kulturvergessen sein, die ganze Liedsammlungen und Romane – von Johann Sebastian Bach bis Thomas Mann – vom Luther-Text auf die Einheitsübersetzung umschreiben zu wollen, da platzte Marx heraus, nicht unaggressiv und nicht ohne jede Verachtung, verglichen mit seiner sonstigen Bonhomie: "Jetzt kommen Sie mir bloß nicht damit!"

Freilich, wenn es um das Soziale geht, ist er zu jeder Kooperation bereit: "Gemeinsam mit der evangelischen Kirche, mit Leuten wie Bischof Wolfgang Huber, müssen wir das Thema wieder stärker ins Bewusstsein rücken." Das war schon so, als er auf katholischer Seite die Arbeit an jenem Wirtschafts- und Sozialwort der beiden Kirchen mit vorantrieb, das 1997 erschien. Ging es damals gewissermaßen darum, den wild gewordenen Kapitalismus zu zähmen, so war Marx sechs Jahre später wiederum dabei, als eine Kommission der katholischen Bischofskonferenz ein Papier mit dem Titel Das Soziale neu denken vorlegte; diesmal las es sich so, als müsse man einem wild gewordenen Sozialstaat Zügel anlegen – jedenfalls liest man seither in katholischen, aber auch in evangelischen Papieren vorwiegend von "Beteiligungsgerechtigkeit" und weniger von "Verteilungsgerechtigkeit". Und als die nämliche Kommission der Bischofskonferenz, inzwischen hatte Marx deren Leitung übernommen, im Frühjahr 2006 über die erste Enzyklika (Deus caritas est) des neuen Papstes diskutieren wollte, lud Marx – so viel Liberalität darf sein – einen liberalen protestantischen Laien ein, vor den Bischöfen und Experten über ein Papier des Heiligen Vaters durchaus auch kritisch zu referieren.

Mit Marx die Abneigung gegen die Marktwirtschaft überwinden?

Ungewiss bleibt allerdings, ob alle genau hinhören, wenn Reinhard Marx über Sozialpolitik spricht: Wer nur hört, dass er Arbeitsplätze für wichtiger hält als maximale Kapitalrenditen, verpasst die Zwischentöne. Zwar wirkt Marx wie ein Vertreter der klassischen katholischen Soziallehre, in der er sich auskennt wie nur wenige; aber Ansätze zu deren Modernisierung sind bei ihm nicht zu verkennen. Kein Geringerer als Richard von Weizsäcker hatte dem Wirtschafts- und Sozialwort Folgendes bescheinigt: Das einzig wirklich Aufregende daran sei, dass die katholische Soziallehre darin ihre unterschwellige Abneigung gegen die Marktwirtschaft ausdrücklich überwunden habe. Das war nicht zum Geringsten das Verdienst von Reinhard Marx. Marx läuft auch nicht rot an, wenn er auf Schumpeters "schöpferische Zerstörung" angesprochen wird; aber er fragt zurück, weshalb sie immer nur die Arbeitnehmer treffen sollte. Andererseits: Von Ökologie hört man bei ihm so gut wie nichts. Ökonomie, Ökologie, Ökumene – sind das für ihn die eher bedenklichen Ö-Wörter?