Moderation: Was ist das eigentlich gute Lehre?

Peter Strohschneider: Gute Lehre ist ein sehr komplexes Geschehen. Sie ist etwas, was sich in der Interaktion, im persönlichen Austausch von Lehrenden und Studierenden, Studierenden und Lehrenden vollzieht und was es in sehr unterschiedlichen Formen geben kann. Gute Lehre in einem Labor in der Biomedizin ist etwas anderes als gute Lehre in einer Vorlesung oder in einem Einführungskurs ins Koptische.

Inga Nüthen: Fragen Sie fünf Studierende, Sie bekommen fünf verschiedene Antworten. Gute Lehre ist nicht objektiv messbar. Es muss aber gewisse Grundvoraussetzungen für gute Lehre geben: mehr Chancengleichheit, mehr Mittel, mehr Freiräume. Es geht darum, überhaupt die Möglichkeiten für gute Lehre zu schaffen.

Moderation: Ist die Situation der Lehre an deutschen Universitäten tatsächlich so katastrophal wie oft beschworen?

Peter Gaehtgens: Die allgemeine Äußerung, die Lehre an deutschen Universitäten sei eine Katastrophe, ist schlichtweg nicht richtig. Es gibt eine ungeheuer große Zahl von sehr engagierten, sehr talentierten Lehrern an den Hochschulen. Natürlich hören wir Klagen, dass die Anonymität des Lehrbetriebs und die Organisation der Lehre eine Katastrophe seien. Diese mehr organisatorisch-administrativen Dinge sind die ersten, die man angehen müsste.

Jürgen Zöllner: Ich bin der festen Überzeugung, wir haben das beste Hochschulsystem der Welt – das ist ernst gemeint! – in Forschung und Lehre. Es ist doch inzwischen ein nationales Problem, dass die Absolventen und Promoventen der deutschen Universitäten weltweit gesucht werden.

Inga Nüthen: Ich halte die universitäre Lehre sehr wohl für eine Katastrophe. Ich studiere am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaften der FU. Das wird in diversen Rankings immer ganz oben eingestuft. Da wird mir angst und bange, wie es dann in den Instituten weiter unten auf den Listen aussieht. Bibliotheken werden zusammengelegt, Seminare sind extrem groß – das sind nur ein paar Stichpunkte.

Peter Strohschneider: Man kann die Katastrophe gewissermaßen datieren, auf den 4. November 1977. Da haben die Ministerpräsidenten von Bund und Ländern den Öffnungsbeschluss gefasst. Beschlossen wurde damals die erschöpfende Auslastung der Universitäten. Man kann nur zynisch sagen: Das hat funktioniert, die Universitäten sind erschöpft.

Moderation: Ist ein Exzellenzwettbewerb das richtige Mittel, um die Lehre zu fördern?

Jürgen Zöllner: Die Exzellenzinitiative, die die Forschung zum Ziel gehabt hat, hat einen unheimlichen Effekt. Sie hat eine Aufbruchstimmung in den deutschen Hochschulen erzeugt. Der Effekt ist letzten Endes nicht durch das Geld entstanden, sondern dadurch, dass plötzlich der Stellenwert der Forschung größer geworden ist. Das gibt einen Ruck im System. Das müssen wir für die Lehre auch erreichen.

Inga Nüthen: Es geht in einem Exzellenzwettbewerb immer um einen Leuchtturm. Es geht immer um eine kleine Minderheit, die besonders gut nach irgendwelchen doch sehr merkwürdigen Kriterien betrachtet wird. Diese kleine Minderheit wird gefördert und eben nicht die Breite.

Peter Gaehtgens: Das Problem ist die Heterogenität. Es gibt keinen einheitlichen Katalog von Kriterien zur Bemessung guter Lehre. Was also immer geschehen soll, um die Lehre insgesamt zu verbessern, muss Rücksicht nehmen auf diese Tatsache der Unterschiedlichkeit in den verschiedenen Disziplinen und Hochschultypen. Deswegen sind pauschale Rufe nach einer Exzellenzinitiative in der Lehre verfrüht.

Marion Schick: Was passiert denn mit denen, die in der Lehre nicht gut sind, die aber einen quantitativ bedeutsamen Teil zur akademischen Versorgung heute leisten? Wollen Sie ernsthaft sagen, Sie machen eine Uni in Dingsbums oder eine Fachhochschule in Trallala zu, die aus diesem Wettbewerb in der Lehre nicht als Gewinner hervorgehen würde?