Schöner kann Zerfall nicht sein. Nicht die Vollkommenheit des Heidelberger Schlosses, sondern die Hinfälligkeit, das Bröseln und Vergehen lockt die Besucher in hellen Scharen. Der Mythos ist die Ruine – oder besser: Sie war es. Denn landauf, landab grassiert das Rekonstruktionsfieber, und auch Heidelberg scheint nun davon erfasst zu sein. Die Ruine zu ruinieren, das Schloss wiederherzustellen, steht zwar politisch noch nicht auf der Tagesordnung. Doch ein erster Schritt in diese Richtung wird derzeit ernsthaft diskutiert: der Schlossgarten aus der Spätrenaissance soll mit all seinen Ornamentbeeten und Wasserkünsten wieder angelegt werden.

Als "achtes Weltwunder" wurde der Terrassengarten einst gefeiert. Und wenn es nach Hans-Joachim Wessendorf geht, wird das Manifest perfekter Naturbeherrschung bald neu entstehen. Der Heidelberger Unternehmer hat eigens dafür die Stiftung Hortus Palatinus gegründet. Sowohl im Internet wie in der Stadt wirbt er mit Simulationen für die Rekonstruktion – obwohl die ausgeklügelte Anlage nie fertiggestellt und früh schon wieder zerstört wurde.

Wessendorf sagt zwar: "Es soll nichts gebaut werden, was es nicht wirklich gab." Zugleich behauptet er aber: Mindestens 80 Prozent des Wunderwerks seien auf Grundlage der Stiche des Mechanikers Salomon de Caus noch vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges realisiert worden. Historisch lässt sich das nicht belegen. Es bedurfte gewaltiger Erdarbeiten und Stützmauern, um am felsigen Steilhang über dem Neckartal Plateaus für die fünf Gartenterrassen zu schaffen. Dies war das Weltwunder – vergleichbar mit den hängenden Gärten der Semiramis. Mit den Pflanzungen wurde aber erst 1618 begonnen, nur zwei Jahre bevor der auftraggebende Kurfürst Macht und Land verlor und die Arbeiten eingestellt werden mussten.

Entsprechend spärlich sind die Befunde der Archäologen: Von der unteren Terrasse gibt es keine Spur, von der riesigen Pyramidentreppe erst recht nicht, Fehlanzeige auch bezüglich des Irrgartens. Der Wundergarten, von dem manche in Heidelberg träumen, kam über rudimentäre Anfänge nicht hinaus – und wurde erst barock, später romantisch überformt.

Anfang des 19. Jahrhunderts sollte die von den Romantikern verklärte Schlossruine "malerisch" gerahmt werden: Friedrich Ludwig Sckell, Erfinder des Englischen Gartens in München, Johann Michael Zeyher und der Ruinenspezialist Johann Metzger erschlossen die teils verwilderten Terrassen mit einem ausschweifenden Wegenetz und setzten große Baumgruppen auf die Rasenstücke. Spuren dieser Gartenideen sind noch erhalten genauso wie einzelne Baumexoten des späteren botanischen Gartens auf der Zwischenterrasse. All das müsste vernichtet werden, wenn denn der Renaissancegarten tatsächlich gebaut würde.

Während viele Altstadtbürger sich gegen den drohenden Verlust der großen Freiflächen und gegen die Schaffung eines Themenparks "Hortus Palatinus" wenden, begrüßt die örtliche Zeitung die Pläne euphorisch. Nach den jüngsten Grabungsergebnissen favorisiert Raban von Malsburg, Heidelbergs Baubürgermeister, ein Teilmodell. Wenigstens auf Zwischen- und Hauptterrasse möchte er mehr sehen als Ornamentbeete aus Thymianbändern und bunten Kieseln. Sein Wunschtraum besteht aus Laubengängen, Heckenkabinetten und Bosketten, wie sie auf dem visionären Gemälde von Jacques Fouquier und den daran orientierten Merian-Stichen von 1620 zu sehen sind. Die Scheffelterrasse dürfe sogar wieder etwas "romantischer" werden, meint von Malsburg.