Die Kamera bedrängt ihr prominentes Opfer, das auf einer schmalen Holzbank sitzt, gefesselt, ohnehin längst zu schwach, um sich zu wehren. Durch das Laub der Bäume fällt Sonnenlicht auf das dunkle Haar der entführten Präsidentschaftskandidatin. In einem Brief an ihre Mutter schreibt sie, dass es ihr seit einiger Zeit büschelweise ausfällt. Ingrid Betancourt schweigt mit gesenktem Blick, sagt kein einziges Wort, während die Videokamera auf ihr Gesicht hält, die eingefallenen Wangen, den Mund, der aussieht, als würde die traurige Verzweiflung nie mehr aus seinen Winkeln weichen. Im Hintergrund flirrt vielstimmiges Zirpen, das man als magisch empfinden mag, wenn man bei einer Exkursion eine Nacht im kolumbianischen Regenwald verbringt. Ein Zirpen, das sich nach 2112 Tagen und Nächten in Gefangenschaft zum schrillen Rasen steigern muss, wenn die Tiere Stiche bringen, Schmerzen und gefährliche Infektionen.

Die Aufzeichnung vom Oktober 2007, die am Wochende an die Öffentlichkeit gelangte , ist das erste Lebenszeichen von Ingrid Betancourt seit vier Jahren. Eine gute Nachricht. Sie lebt. Aber die Gefangene auf der Bank wirkt wie eine Wiedergängerin der Frau, die sie vor ihrer Entführung war, der Politikerin, die im Januar 2002 als Spitzenkandidatin ihrer Partei Oxígeno Verde strahlend an den Ampeln der Hauptstadt Bogotá Viagra-Pillen verteilte, "damit Kolumbien wieder einen hochkriegt", und ihren Wählern mit Wangenküssen dankte.

Sie war damals 40 Jahre alt. Ihr Vater hatte wenige Tage zuvor einen Schlaganfall erlitten. Die Präsidentschaftskandidatin pendelte zwischen Interviews und Intensivstation, konzentriert, optimistisch, kämpferisch, begleitet von 15 Bodyguards. Betancourt hatte Opfer gebracht für dieses riskante Leben, den beschaulichen Alltag als Diplomatengattin aufgegeben, ihre beiden Kinder zur Sicherheit bei ihrem Exmann im Ausland gelassen, und obwohl sie unter der Trennung litt, schien es nicht, als habe sie ihre Entscheidung rückblickend jemals infrage gestellt. Europäische Medien verglichen sie in ihrem Einsatz gegen die korrupten Eliten ihres Landes mit Jeanne d’Arc. Der Titel gefiel ihr. "Sie war eine Frau, die für ihre Ideale und Werte gekämpft hat", sagte Betancourt damals im Interview, "und auch ich bin bereit, alles aufs Spiel zu setzen".

Oft hat ihre Mutter, Yolanda Pulecio, in den Jahren nach der Entführung das letzte Telefongespräch mit ihrer Tochter geschildert, am Morgen des 23. Februar 2002. Drei Tage zuvor hatte der damalige Präsident Andrés Pastrana nach einer Serie von Sabotageakten die Friedensverhandlungen mit den Guerilleros der Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (Farc) abgebrochen und Truppen in die entmilitarisierte Zone im Süden des Landes rücken lassen, die drei Jahre lang von der Guerilla beherrscht worden war. Ingrid Betancourt stand für die Fortsetzung des Dialogs ein – womöglich ein Grund dafür, dass sie ihre eigene Gefährdungslage fatalerweise falsch einschätzte. An jenem Morgen wollte sie sich einen Eindruck von der Situation vor Ort verschaffen, der Bevölkerung zeigen, dass sie nicht im Stich gelassen werde, wie sie erklärte.

Auf Anweisung des Präsidenten weigerte sich das Militär jedoch, die Kandidatin im Hubschrauber zu befördern. "Mach dir keine Sorgen", hatte Ingrid zu ihrer Mutter am Telefon gesagt, "wenn mir was passiert, sind die schuld". Trotz mehrfacher Warnungen war sie mit dem Auto vom Flughafen aus in Richtung San Vicente del Caguán aufgebrochen, der größten Stadt im ehemaligen Rebellengebiet, zusammen mit ihrer Wahlkampfleiterin Clara Rojas, einem Mitarbeiter und zwei Journalisten. Um 15 Uhr passierte ihr Jeep den letzten Kontrollposten der Armee am Rande der Landstraße.