Gefühlsstürme überwältigen einen beim Lesen von Woody Allens neuem Geschichtenband, Gefühlsstürme der allerunangenehmsten Art. Mit dem Buch werfen, aufspringen, stampfen und schreien vor Ungläubigkeit, zur Videothek rennen und sich sofort, auf der Stelle, die drei besten, schönsten, leichtesten Filme Allens reinziehen, nur um sich zu beweisen, dass dieses Buch nicht wahr sein kann. Eine Verwechslung, ein Kuckuckskind, dem genialen New Yorker Spinner untergeschoben, um seinen Ruf zu ruinieren, mit dem es schon einmal nicht zum Besten stand, als Mia Farrow ihn aus Eifersucht auf ihrer beider einundzwanzigjährige Adoptivtochter rauswarf und behauptete, er habe diese als Vierjährige missbraucht.

Weil Gefühlsstürme am besten mit Nachdenken niederzukämpfen sind, weil also, wenn überhaupt, nur das Hirn den Bauch in Schach halten kann, müssen wir uns wohl dem Verhältnis von filmischer und literarischer Erzählung zuwenden. Es ist jedem klar, dass Film und Buch auf ganz verschiedene Weise funktionieren. Immer geht es ja um den Zauber der Lücke, die der Leser oder Seher selbst ausfüllen muss, aber sie wird in den beiden Medien auf gänzlich verschiedene Weise offengehalten. Beides muss man beherrschen. Klar ist, die besten Drehbücher können durch schlechte oder fehlbesetzte Schauspieler, durch einen unfähigen Regisseur oder einen unbegabten Kameramann ruiniert werden. Aus grässlichen literarischen Vorlagen wurden oft herrliche Filme und umgekehrt. Kurzum, es gibt keinen automatischen Zusammenhang zwischen dem einen und dem anderen. Oder kann man sich den Stadtneurotiker vorstellen mit, sagen wir mal, Curd Jürgens in der Hauptrolle?

Und ja, jetzt haben wir uns wieder beruhigt. Woody Allen bleibt Woody Allen, das hat er mit dem großartigen Match Point vor zwei Jahren einmal mehr bewiesen. Oder denken wir an Verbrechen und andere Kleinigkeiten, in dem wie nebenbei eine todtraurige Meditation über Gott, der den Holocaust zugelassen hat, steckt! Pure Anarchie jedoch, seine eben erschienenen Storys, haben mit dem Werk von Woody Allen, mit dem, wofür wir ihn lieben, radikal nichts zu tun. Wie ein ausrangierter Gagschreiber im Vollrausch plappern sie so peinlich, holzhammerartig und pubertär vor sich hin, dass wir kein weiteres Wort über sie verlieren wollen, geschweige denn aus ihnen zitieren. Aus Respekt vor einem großen Regisseur, Drehbuchautor und – filmischen – Geschichtenerzähler.