Joseph Conrad wird nicht 150. Er ist die Erfindung eines englischen Seemannes polnischer Herkunft und trat erstmals 1895 in Erscheinung – auf den Buchdeckeln des Romandebüts Almayers Wahn. Der Name Joseph Conrad ist mehr als ein Pseudonym oder Kürzel für Józef Teodor Konrad Korzeniowski, er ist eine neue Identität, die Selbsterfindung eines Schriftstellers aus dem Nichts.

Der Mensch, der sich als Joseph Conrad einen Namen machte, wäre am 3. Dezember 150 Jahre alt geworden. Doch die Frage, wer er wirklich war, beschäftigt Leser und Literaturwissenschaftler bis heute. The Several Lives of Joseph Conrad heißt denn auch die Biografie des Conrad-Experten John Stape, deren deutsche Übersetzung rechtzeitig zum Jubiläum im marebuchverlag erschienen ist. Conrad hat nicht nur verschiedene Leben gelebt, auch sein Werk liest sich wie eine unentwirrbare Mischung von Biografischem und Fiktionalem, von Erlebtem, Erinnertem und Erträumtem. Was ist Wirklichkeit, was ist Wahn? Kaum ein Buch von Joseph Conrad, bei dem man sich diese Frage nicht stellt, und nirgends, im alles auflösenden Sog seiner Geschichten, findet sich eine Antwort.

"Joseph Conrad ist ein Rätsel", konstatiert der Leipziger Literaturprofessor Elmar Schenkel zu Beginn seiner ebenfalls neu erschienenen Conrad-Biografie Fahrt ins Geheimnis – ein äußerst produktives Rätsel noch dazu. Kaum ein Autor des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts hat so viele Spekulationen, Geschichten und Nachdichtungen auf den Plan gerufen. Conrad selbst hat seiner Rätselhaftigkeit reichlich Vorschub geleistet. Er war sein erster und unzuverlässigster Biograf. Was er über sich selbst schreibt, gehört weitgehend in den Bereich Legendenbildung. Das liegt nicht nur daran, dass er wie die meisten Autoren die biografische Wahrheit bereitwillig der besseren Geschichte opfert. Conrad ist kein fabulierlustiger Selbsterzähler, sondern vor allem Architekt der eigenen Identität. Seine Maskierungen und Mystifizierungen sind nicht nur Pose oder literarische Taschenspielerei, sie gehorchen vielmehr der bitteren Notwendigkeit des Bodenlosen. Dieser Mann muss sich erfinden, weil es nichts gibt, worauf er sich zurückziehen kann: keine nationalen und gesellschaftlichen Zugehörigkeiten, keinen familiären Hintergrund mit materiellen und ideellen Sicherheiten, keine Zuflucht außerhalb der Autofiktion.

Der Lebenslauf des Menschen, der Joseph Conrad erfand, ist voller Brüche und abrupter Veränderungen. Seine Familie ist polnisch, aber Polen existierte 1857, als er geboren wurde, nicht mehr. Sein Geburtsort Berdyczów liegt auf dem Gebiet der Ukraine und unterstand damals der Herrschaft des zaristischen Russlands. Józefs Vater war ein polnischer Nationalist, Landadeliger und Verfasser polemisch-pathetischer Freiheitsschriften. Die Familie wurde politisch verfolgt und verbannt. Unter den widrigen Umständen stirbt die Mutter, als der Junge sieben ist, sein Vater folgt ihr vier Jahre später. Im Alter von elf Jahren ist Józef Vollwaise, wird herumgereicht und schließlich von seinem Onkel Tadeusz Bobrowski erzogen. Mit fünfzehn kehrt er seiner Heimat, die keine war, den Rücken, um zur See zu fahren. Es ist die erste große Erfindung seines Lebens: Józef wird Schiffsjunge, Seemann, anfangs auf französischen Schiffen, dann in der englischen Handelsmarine. Er wird hart an dieser Identität arbeiten – bis zum Erreichen des Kapitänspatents 1886. Jetzt ist er Kapitän Korzeniowski. Doch die Schiffe, die zu kommandieren er geträumt hatte, verschwinden zusehends von den Weltmeeren. Dampfschiffe verdrängen die großen Segler von einst. Der Kapitän wird arbeitslos und muss mehrmals unter seinem Rang anheuern. Die Identität, die er sich erkämpft hat, ist von der Zeit überholt.

Die Metamorphose vom Seemann zum Schriftsteller

In dieser schwebenden Situation beginnt Józef, den Schriftsteller Joseph Conrad zu erschaffen. Bisher hat wenig aufs Schreiben hingedeutet. Es gibt ein paar Briefe, aber keine fiktionalen Versuche und Entwürfe, in denen sich literarische Ambitionen angekündigt hätten. Es gibt nur dieses eine Manuskript, Almayers Wahn, das der Nochseemann auf seinen Reisen mit sich führt, sogar auf seiner fatalen Fahrt in den Kongo, die später zum Material seiner berühmtesten Erzählung, Herz der Finsternis, werden soll. Manchmal schreibt er monatelang kein Wort, dann wächst das Konvolut wieder um einige Kapitel. Er ist bereits 37, als er Almayers Wahn einem Verlag in London anbietet. Der Autor, der er gern wäre, soll ein Brite sein und Englisch die Sprache seines literarischen Ichs – eine Fremdsprache, die Józef von Haus aus weniger beherrscht als das Polnische oder Französische. Sie wird zum Spiegel seiner neuen Identität, in dem seine Vergangenheit unkenntlich wird und zum Material seiner erzählerischen Selbstdefinition.