Wenn man Eichendorffs Gedichte hört, in Schumanns Liederzyklus etwa: "Aus der Heimat hinter den Blitzen rot / da kommen die Wolken her…" – dann wird einem so anders, dann schwinden einem die diskursiven Sinne. Wer will im Zustand gesteigerter Präsenz etwas wissen von Zu-spät-gekommen-Sein oder "letztem Ritter der Romantik". Da hört und weiß man doch: Diese Trauben waren immer für die Spätlese bestimmt. In diesen schlichten Umlauten aus rauschenden Bäumen und Nächten, die wie in Träumen vom verlorenen oder "künftigem großen Glück" künden, hat Eichendorff wie mit magischen Formeln hantierend die Empfindungen einer ebenso verschwenderisch geistreichen wie politisch aufgeheizten Umbruchsepoche in schwerelosen, zauberischen Klang verwandelt.

Nicht nur Eichendorffs schönste Gedichte zählen 150 Jahre nach seinem Tod noch zu den lyrischen "Habseligkeiten" unserer Literatur. Auch der Taugenichts behält seine Schönheit und seine Brisanz, solange unsere Verhältnisse diesem "späten" Romantiker immer noch entgegenkommen. Der auf den baldigen Aufschwung ebenso vertröstete wie zum frühestmöglichen Eintritt ins Renteneinzahlungsalter ermahnte Prekarier von heute kann die Grundstimmung des Taugenichts, wenn er im nachtschwarzen Garten einsam auf einem Baum hockt und die Musik vom Schloss herüberschallt, leicht nachempfinden: "…so geht es mir überall und immer… Es ist, als wäre ich überall eben zu spät gekommen, als hätte die ganze Welt gar nicht auf mich gerechnet."

Wir wissen nicht, wie Thomas Mann die Botschaft des Märchens aufnahm, nämlich dass es zum höchsten Glück in der Liebe wie in der Kunst eines kindlich reinen Herzens bedarf. Jedenfalls war er von der poetischen Leistung, dass diese "Reinheit nicht albern wirkt", offenbar so beeindruckt, dass er den Taugenichts kurzerhand für den wahrhaft "deutschen Menschen" erklärte. Das geht dann doch entschieden zu weit, meint der Germanist und Eichendorff-Herausgeber Hartwig Schultz in seiner eben erschienenen Eichendorff-Biografie. Wenn der Taugenichts der typische deutsche Mensch ist, was ist denn dann mit dem Untertan von Heinrich Mann?

Schultz flicht in seinem Buch Leben und Werk Eichendorffs recht eigenwillig zopfig ineinander, wobei er von der ersten Seite an mit dem Anspruch des Experten auftritt, so einiges an Irrtümern zurechtrücken zu müssen. Wussten Sie zum Beispiel, dass Eichendorff viel mehr war als ein schlesischer Heimatdichter? Oder, dass er keineswegs der Versager und "ewige Verlierer" war, als der er sich etwa in seinen späten autobiografischen Fragmenten gern "stilisiert"? Gerade diese kleinen vergnüglichen Texte wecken den Argwohn des Biografen, der Dichter "verstecke sich … hinter diesen Figuren" und er sei "nicht bereit, das preiszugeben, was ihn in der Tiefe seiner Seele bewegte".

Ausgerechnet dieser Dichter, der uns seinen poetischen Fingerabdruck in jeder Zeile hinterließ, dessen magische Wirkung gerade in der unbedingten Lauterkeit seiner strömenden Verse besteht, soll gegen das Gebot künstlerischer Wahrhaftigkeit verstoßen haben? Denn nichts anderes heißt das ja, "sein Inneres" vorenthalten.

Verblüfft lesen wir weiter: Auch der Taugenichts "öffnet keinen unmittelbaren Zugang zu dem Autor Eichendorff. Denn der zurückhaltende, bescheidene preußische Beamte, der nach Aktenlage am ehesten dingfest zu machen ist, konnte es sich zweifellos nicht leisten, das freie Leben eines Taugenichts zu führen." Er hatte, so Schultz, auch gar nicht das Talent dazu.