Dichters Zauberworte

Im Herbst 1943, ich war sechzehn, lasen wir Eichendorffs Erzählung Aus dem Leben eines Taugenichts in der Schule. Schon auf der ersten Seite nimmt der Tunichtgut seine Geige von der Wand, steckt ein paar Groschen in die Tasche, und noch bevor er auf den Rücksitz einer vorbeifahrenden Kutsche springt, setzt er die Geige an den Hals, spielt und singt: "Wem Gott will rechte Gunst erweisen, / Den schickt er in die weite Welt, / Dem will er seine Wunder weisen / In Berg und Wald und Strom und Feld." Mit Joseph von Eichendorff, dem Dichter aus Schlesien, führte uns der Lehrer an der Seite des Taugenichts über die Alpen nach Italien hinab. Die Winzer in den Weinbergen sangen, aus einem Garten drang ein Spektakel von Pauken und Trompeten, keine zwei Seiten hatten wir unsere Reclamheftchen umgeschlagen, schon spielten wieder lustige Musikanten auf, mir war, als käme dieser Dichter Eichendorff nicht aus dem Singen heraus. Dann aber, nachdem ein letztes Mal schallende Musik erklungen war, fügte Lehrer Zülicke der Geschichte einen bedenkenswerten Satz des Dichters Hugo von Hofmannsthal hinzu. Darin rühmt er an Eichendorff "das Beglänzte, Traumüberhangene, das Schweifende, mit Lust Unmündige im deutsche Wesen", worin etwas Bezauberndes sei. Es müsse aber ein Maß in sich haben, sonst werde es leer und abstoßend.

Berauscht von verführerischen Wörtern, wurde uns Schülern nicht bewusst, mitten im Schrecken des Kriegs den Boden unter den Füßen verloren zu haben, um kopfreisend eine schönere, vorgestellte Welt zu betreten. Eichendorffs Wörter aus dem Taugenichts, zupackend und zauberkräftig, verdrängten Meldungen und Musik der Wochenschau aus unseren Köpfen. Obwohl beides im Viervierteltakt – Eichendorffs Singen beim Ergründen der Welt war nicht vergleichbar dem Schmettern im Marschtritt. Alle seine Lieder kann man jetzt lesen in Joseph von Eichendorff, Sämtliche Gedichte und Versepen, herausgegeben von Hartwig Schultz im Insel Verlag. In diesen Gedichten begleitet der Leser den Lebensweg eines Dichters, der früh schon die zarten Laute moosumrankter Klüfte vorausklingen lässt, danach dem romantischen Sonettenrausch seiner Zeit erliegt, die Nöte des irritierten Soldaten erleidet und schließlich, als preußischer Beamter inkognito mit seiner Familie lebend, die volksliedhaften Strophen seiner zweiten Lebenshälfte schreibt.

Herkunft, Entwicklung, Lebensweg: Eichendorff, dem es einzig und allein um die Beziehung zu den Wörtern geht, ist kein ergiebiges Objekt für die Quellenforschung. Über vierzig Jahre seines Lebens hat er alle verwertbaren Quellen (Briefe, Entwürfe, private Papiere) sorgsam vernichtet. Seine Tagebücher sind "ausgeführte", ins Dichterische umgesetzte, keine unmittelbaren Aufzeichnungen, und auch seine religiösen Bekenntnisse eignen sich nicht für Auslegungen seines Lebens und Deutungen seiner Kunst. Ihm gilt nur sein poetisches Wort. Eichendorff war zwar ein gläubiger Katholik, hat gebetet, gebeichtet, bereut, ist trotz seiner ausgeklügelten Kunstfertigkeit ein scheinbar naiver Dichter geblieben, "ein Narr in Christo", wie Rüdiger Safranski zutreffend formuliert: "Ein Romantiker des Als-ob." Viele Male beschwört Eichendorff den Zauber des Als-ob – und was im schwankenden, ungewissen Zustand zwischen Sein und Schein den Himmel betrifft, schreibt er vom Adler, der in die Lüfte steigt: "Mußt’ höher, immer höher fliegen, / Ob nicht der Himmel offen wär’."

Wer den Raum dieses schillernden Scheins betritt, kann hinter dem bezaubernden Als-ob des Dichters eine neue Welt entdecken. "Es war, als hätt’ der Himmel / Die Erde still geküßt, / Daß sie im Blüten-Schimmer / Von ihm nun träumen müßt’" beginnt das Gedicht Mondnacht; "Kaiserkron’ und Päonien rot, / Die müssen verzaubert sein, / Denn Vater und Mutter sind lange tot, / Was blühn sie hier so allein?" beginnt Der alte Garten, der kein wortwörtliches Als-ob, nicht einmal mehr eine grammatische Logik braucht. Alle diese Reisen in fern liegende Wunschgegenden sind von einem unaufhörlichen Singen begleitet. Dabei öffnet sich die Vielfalt der Welt ins Unermessliche, denn das Greifbare hat seine feste Gestalt aufgegeben und ist Klang geworden: "Halb Worte sind’s, halb Melodie, / Was mir durchs Herze zieht, / Weiß nicht, woher, wozu und wie, / Mit einem Wort: ein Lied!" In fruchtbarer Paradoxie des Als-ob entpuppt sich immer wieder aus Schweigen, Schlafen und Träumen das Zauberwort des Dichters. Das Stumme wird hörbar: "Schläft ein Lied in allen Dingen, / Die da träumen fort und fort, / Und die Welt hebt an zu singen, / Triffst du nur das Zauberwort!" Der Taugenichts singt noch von Gottes Wundern, doch je weiter ich vordringe in Eichendorffs Kunst, umso deutlicher zeigt sich mir der Dichter selbst. Er ist zum Zauberer geworden, der sich nicht anschickt, mit dem lieben Gott zu konkurrieren. Allein er, Joseph von Eichendorff, ist es, der das Zauberwort, er ist es, der den Ton trifft, der das Lied aus dem Schlaf weckt. Auch wenn er Gottes Wunder preist, er selbst geht mit dem Wort Wunder lieber ironisch als blindlings vertrauend um: "Du wunderst wunderlich dich über Wunder, / Verschwendest Witzepfeile, blank geschliffen. / Was du begreifst, mein Freund, ist doch nur Plunder, / Und in Begriffen nicht mit einbegriffen / Ist noch ein unermeßliches Revier, / Du selber drin das größte Wundertier."

Eine kritische Epoche seines Lebens hat Eichendorff zwar besungen, doch nicht in eine andere Welt hinausgezaubert. Der Fünfundzwanzigjährige, im Wirrwarr der Befreiungskriege entschwindend, versucht sich an vaterländischer Poesie. In munteren Gedichten zeigt er sich auf dem Streitross, auf der Feldwacht, auf dem Frühlingsmarsch. Doch der patriotische Gesang will ihm nicht recht gelingen, auch wenn er sich anschickt, das Horn zu blasen "im fröhlichen Jagen bis nach Paris hinein". "Wunderliche Spießgesellen" nennt er seine Kameraden in der schmucken schwarzen Uniform der Lützowschen Jäger, er selbst, wie Zeitzeugen berichten, soll ein miserabler Soldat gewesen sein. In einem Gedicht dankt er seiner Braut Luise, "ein halbverwildertes Gemüte" gehegt und geheilt zu haben. Obwohl dieses Gedicht zeit seines Lebens nicht veröffentlicht und auch nicht in eine Werkausgabe aufgenommen wurde: Er hat nichts verschwiegen, nichts verschlafen, nichts verträumt, sein schamhaftes Bekenntnis weckt den Zauber seiner Sprache.

In den Sechzigern, zwanzig Jahre nach meiner Schulzeit, brachte mich die Lektüre Blochs auf Eichendorff zurück. Beim Lesen seines Werks Das Prinzip Hoffnung, eines Kultbuchs dieser Jahre der Utopien, kam mir Eichendorffs Gedicht Sehnsucht wieder in den Sinn. "Es schienen so golden die Sterne, / Am Fenster ich einsam stand / Und hörte aus weiter Ferne / Ein Posthorn im stillen Land" beginnt das Gedicht wohlklingend, ja schwärmerisch, endet aber urplötzlich, als sei ein Blitz aus heiterem Himmel eingeschlagen. Von einem auf den nächsten Augenblick konnte ich nicht mehr weiterschwelgen und endlos verweilen in einem zauberischen Raum, worin der Dichter soeben Lautenklang ertönen und Quellen rauschen lässt. Das Gedicht ließ mich ratlos zurück. Ich wollte den wandernden Gesellen nicht vor schöne Marmorbilder und in mondbeglänzte Paläste folgen.

Dichters Zauberworte

Befeuert von einem unerklärlichen pädagogischen Eros, begriff ich, dass alles von Eichendorff Ausgesparte, auch das nicht Ausgesprochene sich im eigenen Kopf vollenden musste – das Posthorn tönte in mir als ein Signal für Freiheit. Ich fand mich an einem Ort wieder, den Eichendorff das Eldorado seiner Kindheit nennt: "Es ist von Klang und Düften / Ein wunderbarer Ort, / Umrankt von stillen Klüften, / Wir alle spielten dort. / Wir alle sind verirret, / Seitdem so weit hinaus, / Unkraut die Welt verwirret, / Find’ keiner mehr nach Haus."

Eichendorffs Sonnenglanz über dem Garten seiner Kindheit, sein Licht für das zum Himmel aufwachsende Reis ist der hell leuchtende Blochsche Vorschein, durch den bis ins Paradies geschaut werden kann, Eichendorffs Als-ob in Blochs Hoffnung einer Welt, worin der Mensch sich erfasse und etwas begründe, "das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat".

Im Sommer 1993 reiste ich mit Freunden in Eichendorffs Kinderwelt nach Polen. Die Oder fließt verhaltener als die Moldau, kein musikalisches Wellengeplätscher rauscht auf, auch kein Rauschen des Hochwalds begleitet uns zu Eichendorffs Schloss nach Lubowitz. Uns leuchtet eine Ruine zwischen efeuumrankten Akazien entgegen, der zerbrochene Stein ist gelb und verwittert rasch. Ein Transparent der schlesischen Landsmannschaft spannt sich über die Fassade des kahlen Seitenflügels. "Hörst du in dem Klange / den alten Heimatgruß?", fragt ein Vers des Dichters, soll er hier auf einmal Patriotismus statt Erinnerung wecken? Wir spazieren im verwilderten Park, streicheln die Rinde der Bäume, steigen den Hasengarten zur Oder hinab und rezitieren das Gedicht, mit dem Joseph von Eichendorff sich an seinen Bruder Wilhelm wendet: "Denkst du des Schlosses noch auf stiller Höh? / Das Horn ruft nächtlich dort, als ob’s dich riefe."

Das Spruchband hat uns verwirrt, erst als unsere Freundin Krysia Eichendorffs Gedicht auf Polnisch deklamiert, beruhigen sich unsere Gemüter. Wir hören, wie die Wörter Wald und Garten, Strom und Brunnen auf Polnisch klingen, vor allem hören wir das polnische Wort für Singen und begreifen, wie die Poesie in allen Sprachen ihr sanftes Verwandlungsspiel treibt. Auf der Rückreise ging uns dieses Gedicht nicht mehr aus dem Sinn. Es blieb zugleich literarische Topografie, die alle genannten Dinge gewissenhaft verortet – und poetisches Zauberwort, das allein sie zum Singen bringt.