Befeuert von einem unerklärlichen pädagogischen Eros, begriff ich, dass alles von Eichendorff Ausgesparte, auch das nicht Ausgesprochene sich im eigenen Kopf vollenden musste – das Posthorn tönte in mir als ein Signal für Freiheit. Ich fand mich an einem Ort wieder, den Eichendorff das Eldorado seiner Kindheit nennt: "Es ist von Klang und Düften / Ein wunderbarer Ort, / Umrankt von stillen Klüften, / Wir alle spielten dort. / Wir alle sind verirret, / Seitdem so weit hinaus, / Unkraut die Welt verwirret, / Find’ keiner mehr nach Haus."

Eichendorffs Sonnenglanz über dem Garten seiner Kindheit, sein Licht für das zum Himmel aufwachsende Reis ist der hell leuchtende Blochsche Vorschein, durch den bis ins Paradies geschaut werden kann, Eichendorffs Als-ob in Blochs Hoffnung einer Welt, worin der Mensch sich erfasse und etwas begründe, "das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat".

Im Sommer 1993 reiste ich mit Freunden in Eichendorffs Kinderwelt nach Polen. Die Oder fließt verhaltener als die Moldau, kein musikalisches Wellengeplätscher rauscht auf, auch kein Rauschen des Hochwalds begleitet uns zu Eichendorffs Schloss nach Lubowitz. Uns leuchtet eine Ruine zwischen efeuumrankten Akazien entgegen, der zerbrochene Stein ist gelb und verwittert rasch. Ein Transparent der schlesischen Landsmannschaft spannt sich über die Fassade des kahlen Seitenflügels. "Hörst du in dem Klange / den alten Heimatgruß?", fragt ein Vers des Dichters, soll er hier auf einmal Patriotismus statt Erinnerung wecken? Wir spazieren im verwilderten Park, streicheln die Rinde der Bäume, steigen den Hasengarten zur Oder hinab und rezitieren das Gedicht, mit dem Joseph von Eichendorff sich an seinen Bruder Wilhelm wendet: "Denkst du des Schlosses noch auf stiller Höh? / Das Horn ruft nächtlich dort, als ob’s dich riefe."

Das Spruchband hat uns verwirrt, erst als unsere Freundin Krysia Eichendorffs Gedicht auf Polnisch deklamiert, beruhigen sich unsere Gemüter. Wir hören, wie die Wörter Wald und Garten, Strom und Brunnen auf Polnisch klingen, vor allem hören wir das polnische Wort für Singen und begreifen, wie die Poesie in allen Sprachen ihr sanftes Verwandlungsspiel treibt. Auf der Rückreise ging uns dieses Gedicht nicht mehr aus dem Sinn. Es blieb zugleich literarische Topografie, die alle genannten Dinge gewissenhaft verortet – und poetisches Zauberwort, das allein sie zum Singen bringt.