Fast schon hat man es vergessen: Anfang der neunziger Jahre war Durs Grünbein der Autor der Stunde. Er verkörperte das, was in der Luft lag, und mischte die Szene mit nervösen, zwischen Naturwissenschaft und Erkenntnistheorie schillernden Texten auf. Die Verleihung des Büchner-Preises im Jahr 1995 bildete den Abschluss dieser Sturm-und-Drang-Phase, und sie war auch ein großer Einschnitt für das Werk des damals 33-Jährigen. Heute ist das Image Grünbeins genau das Gegenteil von damals. Die Jüngeren stoßen sich an seiner Rolle des Klassikers, in die er virtuos hineinschlüpfte, die der Literaturbetrieb ihm aber auch regelgerecht maßschneiderte. Mittlerweile scheint Grünbein sehr weit von dem entfernt zu sein, was "in der Luft liegt", er hat mit den aktuellen Lyrikwellen überhaupt nichts zu tun. Sein großer Rivale Thomas Kling wurde jahrelang als Gegenfigur aufgebaut, als Vertreter des neuen, rhythmischen, mündlichen Performancecharakters der Lyrik, als schneidender Neomodernist. In einem seiner letzten Texte brachte Kling derlei Stimmungsdifferenzen auf den Punkt, er bezeichnete die Rezeption der Antike, die bei dem jungen Büchner-Preisträger unübersehbar in den Mittelpunkt rückte, als "Sandalenfilme aus den Grünbein-Studios".

Grünbeins neuester Gedichtband ist sehr umfangreich und wirkt wie eine vorläufige Conclusio, eine Zwischenbilanz. Doch erscheint vieles disparat. Der Titel Strophen für übermorgen zeigt in seiner Vieldeutigkeit bereits, dass man sich auf etliche doppelte Böden gefasst machen muss. Natürlich wird dabei mit dem Klassikerstatus gespielt, mit der Zeitlosigkeit der Antike – wenn auch der Rekurs auf die Stoffe der alten Griechen und Römer in diesem Band gar keinen großen Raum einnimmt. Grünbein versammelt seine charakteristischen Themen. Die Herkunft aus dem Osten oder allgemeiner: der Osten als existenzielle Größe wird als eine widersprüchliche und sinnliche Ausgangssituation beschworen; Gedichte aus diesem Kontext gehen über in die Reflexion des zeitgenössischen Berlins, der Metropole in ihrem immerwährenden "Transit"-Zustand. Auffällig ist aber auch ein Typus von Gelegenheitsgedichten, den Grünbein mittlerweile kultiviert und der im Duktus der alten Meister Reiseerlebnisse, Alltagsmomente und private Mythologien thematisiert.

Der titelgebende Zyklus Strophen für übermorgen operiert aus einer ungewohnten Perspektive mit Momenten der Zeitlosigkeit: Er tarnt sich als Science-Fiction. Die Rede ist von einem "40. April", das Geschehen ist in eine apokalyptisch anmutende Zukunft verlagert, die aber so haarscharf an die unmittelbare Gegenwart anschließt, dass die Grenzen nicht genau zu bestimmen sind. Die Zersetzungsprozesse der Zivilisation, die immer gravierender zu spürenden Umweltveränderungen werden im Alltagston festgehalten: "Am Grund des Meeres sammeln sie Mangan in schwarzen Knollen"; es ist ein ironisches, ja bisweilen sarkastisches Spiel mit den Ängsten und Erwartungen, das ein eigenes poetisches Reservoir schafft. Eine Amsel beispielsweise ruft "Kindheitsnachmittage" zurück, "die lang sich dehnten, zähflüssig wie Öl" – die Bilder setzen sich aus sinnfälligen Einzelmomenten, der diffusen Bedrängung und verqueren Sehnsüchten zusammen, aus den Ergebnissen der Wissenschaft und den flackernden Bewegungen des Ich. Dieser "40. April", der unvermittelt in einen selbstverständlich-beiläufigen Mai übergeht, ist eine stupende Diagnose von Augenblicksstimmungen.

Grünbeins Spiel mit der Zeitlosigkeit ist jedoch im Normalfall in einer nicht mehr recht fassbaren Vergangenheit verortet. Seine antike Wendung hatte Mitte der neunziger Jahre viel mit dem Büchner-Preis zu tun. Nach dem frühen Ruhm wartete er damals lange, bis er etwas Neues veröffentlichte, und es ist ein von den Exegeten noch längst nicht völlig ausgelotetes Manöver, mit dem er seinen raschen Aufstieg zum Olymp begleitete. Die Hinwendung zu den antiken Mythen, zu den Stoffen der alten Griechen und Römer, war auch ein selbstironischer, autobiografischer Kommentar. Er führte zu einer neuen Standortbestimmung, und womöglich ist dies eine anspielungsreiche Variation zu dem beliebten Motiv bei seinem Mentor Heiner Müller: Die Maske wächst in das Gesicht.