Es gibt eine Art der literarischen Prominenz, bei der die Person bekannter ist als ihre Bücher, ihre Wirkung stärker als das Werk. Es gibt Schriftsteller, denen man ständig in Memoiren, Aufsätzen und Briefen ihrer Kollegen und Zeitgenossen begegnet, umtriebige, interessante Leute, die für ihre Zeit anscheinend wichtig waren, aber nie zu den ganz Großen gezählt wurden.

Einer ist Ford Madox Ford: Er kannte alle, alle kannten ihn, er gab Zeitschriften heraus (solche wie die Transatlantic review, in Paris mit Ernest Hemingway), er war ein Freund berühmterer Kollegen (solcher wie Henry James), ein Förderer junger Talente (solcher wie Ezra Pound), dazu ein Vielschreiber von Gottes Gnaden. Aber von seinen siebzig oder gar neunzig Büchern, von all seinen Monografien, Biografien, Gedichten, Essays, Reisebüchern und um die dreißig Romanen, haben nur wenige ein größeres Publikum über ihre Zeit hinaus erreicht. Keines gehört zum offiziellen Kanon der Moderne – schon gar nicht in Deutschland.

Inzwischen haben wir immerhin fünf Bücher und ein halbes vorliegen. Und konnten so mit der Verspätung von rund achtzig Jahren feststellen, dass uns da etwas entgangen war. Die allertraurigste Geschichte (The saddest story), 1915 zunächst unter dem der historischen Situation geschuldeten Titel The Good Soldier erschienen, ist ein großartiges, unbedingt zu lesendes Buch – das die Finessen der Moderne mit einem denkbar wenig avantgardistischen Ambiente verbindet.

Nun ist Zapfenstreich auf Deutsch erschienen, der letzte Teil vom Ende der Paraden , Fords Tetralogie über den Ersten Weltkrieg und den Gentleman Christopher Tietjens von Groby. Mit dem ersten Teil dieses eindrucksvollen Opus meldete sich der kriegstraumatisierte Schriftsteller 1924 nach Skandalen, Kriegseinsatz und weitgehender Vergessenheit erfolgreich und mit neuem Namen zurück. Er hieß eigentlich Ford Hermann Hueffer und war der Sohn eines bekannten Musikkritikers deutscher Herkunft. Madox Ford war der Name seines präraffaelitischen Großvaters. Geboren wurde er zu Zeiten der Königin Viktoria, ein paar Jahre vor Virginia Woolf und ein paar Jahre nach John Galsworthy. Literarisch war er am engsten dem viel älteren Joseph Conrad verbunden. Die beiden entwickelten eine »impressionistische« Theorie des Romans. »Als Impressionisten bezeichneten wir uns, weil wir erkannten, dass das Leben selbst keine Geschichten erzählt, sondern Eindrücke in unseren Gehirnen hinterlässt«, schrieb Ford. »Deshalb mussten wir, wollten wir Wirkungen wie das Leben erzielen, nicht erzählen, sondern Eindrücke wiedergeben.«

Das ist eine erstaunlich einfache Formulierung des Denkens, aus dem die literarische Moderne entstand. In der Allertraurigsten Geschichte setzte er dieses Konzept raffiniert um. Am radikalsten tat er es in Zapfenstreich: Dieser Roman besteht nur aus »Eindrücken« und rekapituliert die Geschichte der drei früheren Bände aus verschiedenen und oft einander widersprechenden Perspektiven. Tietjens’ sterbender Bruder, seine Schwägerin, seine Geliebte, sein Angestellter, seine Ehefrau und eine ahnungslose Amerikanerin ergreifen im Laufe eines Tages das Wort und geben ihre »Eindrücke« der Familiengeschichte wieder. Die Hauptfigur Tietjens ist dabei nicht einmal anwesend. Es ist eine hochartifizielle Synthese aus Meinung und Klatsch, in der der ganze Romanzyklus noch einmal neu entsteht und zu einem erstaunlich versöhnlichen und harmonischen Ende geführt wird.

Viel von Fords privaten Dramen ehelicher und unehelicher Art ist in dieses Werk eingeflossen – und spiegelt sich im Leben des Christopher Tietjens von Groby. Die Figur ist seinem verstorbenen Freund und zeitweiligen Nebenbuhler Arthur Marwood nachgebildet. Der war, wie Tietjens, eine Art mathematisches Genie, ein origineller Denker, dabei ein überzeugter Konservativer (»der letzte Tory«), Verfechter eines verantwortungsvollen paternalistischen Feudalismus. In Tietjens’ Denken kommen Verstöße wider die Konvention und Ordnung durchaus vor, in seinem Handeln aber überhaupt nicht infrage. »Es ist ein dreckiges Geschäft, Karriere zu machen (…). Aber ich seh’s ein«, sagt er zu Beginn der Paraden, »ich billige es ja. Es ist dasselbe Spiel, das schon immer gespielt wurde. Es ist Tradition, und deshalb ist es auch richtig.«

Aus dieser Widersprüchlichkeit der Hauptfigur bezieht die Geschichte ihre Dynamik. Tietjens hält wider besseres Wissen und anderes Fühlen an der Konvention fest. Im ersten Roman (Manche tun es nicht) brennt seine schöne, intrigante und untreue Ehefrau Sylvia mit einem Liebhaber durch und kehrt wieder zu ihrem Mann zurück. Der liebt inzwischen eine andere Frau, die er nicht kompromittieren will. Er stellt auch seine Ehefrau nicht bloß – und reizt sie mit seiner moralischen Unerbittlichkeit bis zur Weißglut. Auf dem Höhepunkt dieses Rosenkriegs bricht der Erste Weltkrieg aus, und Tietjens meldet sich, wie seinerzeit sein Autor, als Freiwilliger: teils aus Patriotismus und Pflichtgefühl, teils auf der Flucht vor einer unhaltbaren privaten Situation – und um die Ehre zu retten.