Ohne seinen schaumigen Sarkasmus, seine unwirsche Altklugheit und frische Frechheit im Ton wäre dieser Roman nur halb so gut. Alle Übersetzungen seit der ersten von 1925, zwei Jahre nach Erscheinen des französischen Originals, suchten diesen Ton zu treffen, mit mehr oder weniger Glück. Die hier vorliegende gehört gewiss zu den überzeugendsten Versuchen. Sie lässt den literarischen Geniestreich eines Siebzehnjährigen, der zwanzigjährig an Typhus verstarb, mit neuen Klangbildern knistern und knallen.

Er verdanke sein junges Glück ganz dem Krieg, sagt der fünfzehnjährige Romanheld François, während er neben seiner drei Jahre älteren Geliebten Marthe im Ehebett liegt, das er ihr für deren Heirat mit Jacques aussuchen half. Jacques hatte sich mit der jungen Frau vermählt und musste dann an die Front. An seiner statt liegt nun der Minderjährige da. "Ich hasse Jacques nicht", sagt er sich, "ich hasse die Gewissheit, dass ich alles dem Mann verdanke, den ich betrüge." Wenn der Krieg zu Ende sein wird, wird auch diese Liebe vorbei sein. Also wünscht er dem Soldaten doch den Tod. Der Roman ist ein spiegelverkehrtes Heimkehrerdrama. Anstelle des hinzugefügten Unglücks der leidgeprüften Soldaten nachträglich bei der Heimkehr steht das vorgreifende Glück eines Spätgeborenen. Für ihn bedeutet der Krieg vier Jahre lang große Ferien. Wo die Väter an der Front sind, tanzen zu Hause die Bengel.

Das Glühen der nackten Körper unter dem Bademantel

Der frühbegabte Raymond Radiguet, der fünfzehnjährig nach dem Krieg 1918 in der Pariser Boheme verkehrte, erwies sich nach Anfängen im Dichten und Zeichnen in diesem autobiografisch gefärbten Roman als Genie der psychologischen Empfindungsskizze. Innert einer Woche war die Erstausgabe ausverkauft. Radiguets Freunde und Förderer Max Jacob, Jean Cocteau und André Malraux wussten die Werbetrommel zu rühren. Übersetzungen und Filme machten das Buch dann weltberühmt. Die ehebrecherische Liebesgeschichte zwischen Marthe und François löste mit ihrer über alle Moral hinwegfegenden Wirbelbewegung des Erzählens eine Faszination aus, die ungeschmälert auch heute noch wirkt.

Mit einer mehr intuitiv vorausgeahnten als existenziell gereiften Zielsicherheit werden die Stationen einer keimenden, überbordenden, zerfallenden Liebe geschildert. Der blasiert ungestüme Gymnasiast François wird, während er reglos neben der scheinbar schlafenden Marthe vor dem Kaminfeuer liegt, in seiner Unbeholfenheit plötzlich ruhig: "Das lag daran, dass ich jetzt, da ich sicher war, sie nicht mehr zu lieben, sie zu lieben begann."

Die Schatten des Paradoxes klappen wie Dominosteine immerfort übereinander und lassen ein tieferes Wirklichkeitsbild der intimen Empfindungsmechanik erkennen. Der Ich-Erzähler scheint immer zwei Schritte hinter dem Helden zu stehen, als schaute er ihm über die Schulter, und spricht in der noch nach Gegenwart klingenden Vergangenheitsform. Pfiffige Selbstanalyse und das Glühen der nackten Körper unter dem Bademantel lassen eine Spannung aufkommen, die zwischen Jugendglück und Frühreife surrt. Er habe, notierte Radiguet zu seinem Buch, einen keuschen, zugleich höchst anzüglichen Liebesroman schreiben wollen, in absichtlich ungepflegtem Stil, "da die Eleganz leicht verwahrlost aussehen muss".