Hollage - Dass einer Gemeinde ihr Pfarrer abhanden kommt, das kommt vor. Dieser Pfarrer aber scheint regelrecht geflohen zu sein. Es gab zuvor eine Krisensitzung in der Gemeinde, es gab auch einen Termin im Bistum. Doch keiner, der dabei war, kann sich die überstürzte Abreise des Pfarrers erklären. Und ihn selbst kann man nicht fragen. Stephen Egwim, Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde St. Josef in Hollage bei Osnabrück, ist in sein Heimatland Nigeria zurückgekehrt. Und wie er dort zu erreichen wäre, das wissen selbst seine deutschen Freunde nicht.

Pfarrer Thomas Nonte aus der Nachbargemeinde will öffentlich nun nichts mehr sagen. Er war es, der in einer Sonntagspredigt das rätselhafte Verschwinden eines Kollegen öffentlich gemacht hatte. Von der Formulierung »Affe aus Afrika« und weiteren rassistischen Beleidigungen, die bei Pfarrer Egwim in anonymen Briefen eingegangen seien, berichtete Nonte Mitte November seiner Gemeinde. Diese Sonntagspredigt – so etwas kommt selbst im erzkatholischen Osnabrück selten vor – schaffte es auf die Titelseite der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ). Affe aus Afrika war die Meldung auf der Titelseite überschrieben. Darunter stand: Beleidigter Pastor quittiert seinen Dienst. Ob hier über Beleidigungen berichtet wurde oder ob der Pfarrer abermals beleidigt werden sollte, das ist Interpretationssache.

Pfarrer Nonte könnte wohl noch mehr erzählen, aber er darf es nicht. Es gebe eine Absprache mit der Bistumsleitung, dass man die Vorgänge erst intern klären und dann an die Öffentlichkeit gehen wolle, sagt er.

Auch Egwims Freunde können derzeit wenig zur Aufklärung beitragen. »Das ist bei der Krisensitzung in der Kirchengemeinde in Hollage aus dem Ruder gelaufen«, vermutet Cecilia Kuper aus der Kirchengemeinde Werpeloh, wo Egwim des Öfteren ausgeholfen hatte. Nach dieser Sitzung gab Egwim seinen Rücktritt als Interims-Pastor bekannt und ließ schon die Samstagsmesse jemand anderen halten. Cecilia Kuper jedenfalls kann nicht verstehen, warum jemand »mit einem so freundlichen, sensiblen und intelligenten Wesen«, der seit Jahren in Werpeloh gut klargekommen sei, in Hollage gescheitert ist. Sie selbst glaubt an eine Erklärung, die ihr jemand aus Pfarrer Egwims Gemeinde gesteckt hat: Mobbing in der Pfarrei.

Auch diesem Vorwurf will die Bistumsleitung jetzt nachgehen, nachdem auf eine erste Anfrage der ZEIT hin von Mobbing noch nicht die Rede war. Man werde einen extra dafür abbestellten Mitarbeiter nach Hollage entsenden, kündigt Bistumssprecher Hermann Haarmann an, um zu klären, was Pfarrer Stephen Egwim zu seiner überstürzten Abreise bewogen habe. Es hatte auch ein Gespräch im Bistum gegeben. Generalvikar Theo Paul und der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode hatten sich mit Egwim zusammengesetzt. Doch der Pfarrer habe sich nicht äußern wollen, sagt der Generalvikar. Paul spricht von einer Gemengelage, von Missverständnissen, die es zwischen der Gemeinde und ihrem Pfarrer gegeben habe, aber auch von einer Stalkerin, die Egwim nachgestiegen sei.

Der Rassismusvorwurf fuhr wie ein Fegefeuer durch die Gemeinde St. Josef. Die NOZ berichtete tagelang. Dutzende Leser erklärten sich solidarisch mit dem nigerianischen Pfarrer, der in den Sommerferien immer wieder in deutschen Gemeinden aushalf. Die Gemeinde selbst veranstaltete eine »Mahnwache gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit«, eine Woche, nachdem Egwim ihr den Rücken gekehrt hatte.