Der prägnanteste Kommentar zur kulturellen Bedeutung Led Zeppelins findet sich in Wayne’s World. Wayne, Heavy-Metal-Fan und Vorstadthänger erster Güte, hingebungsvoll verkörpert von einem Vokuhila tragenden Mike Myers – Wayne also steht in dieser retrohumorigen Filmkomödie kurz vor der Erfüllung eines Lebenswunschs. Eine 64er Fender Stratocaster "in klassischem Weiß mit Triple-Single-Coil-Pick-ups und integriertem Vibratohebel" wird in seinen Besitz übergehen. Eben noch steckte das Traumobjekt von einer Gitarre in einem Schrein aus purem Plexiglas, jetzt liegt es in Waynes Hand, als habe es schon immer nur ihm gehören wollen. Kaum allerdings hat er die ersten Töne gespielt, da tritt wie Moses aus dem Felsen der Gitarrenhändler aus der Kulisse und weist mit unerbittlicher Miene auf eine Gesetzestafel im Hintergrund: No Stairway To Heaven.

Bedeutsam an dieser Episode ist dreierlei. Zum einen: Led Zeppelin sind nicht einfach wiedererkennbar, sie sind ein Musterfall an Wiedererkennbarkeit. Millisekunden ihres zärtlich-brachialen Bombastsounds genügen, um bei sämtlichen Beteiligten Erinnerungen wachzurufen. Zum Zweiten: Led Zeppelin haben ein deutlich erhöhtes Nervpotenzial. Insbesondere Stairway To Heaven, dieses meistgenudelte Stück Popmusik aller Zeiten (obwohl es nie als Single veröffentlicht wurde!), kann zu so heftigen Antireaktionen führen, dass in britischen Instrumentenhändlerkreisen ernsthaft über ein Verbot nachgedacht worden sein soll. Zum Dritten und Entscheidenden jedoch ist klar: Das wird nichts nützen. Bekanntlich sind kulturelle Tabus dazu da, uns vor der Erfüllung unserer innersten Wünsche zu bewahren. In diesem Fall jedoch heißt es, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen: Es kommt der Tag, da will die Gitarre sägen.

Led Zeppelin sind die offene Wunde, die von den vielen Schlachten des Rock ’n’ Roll zurückgeblieben ist. Sie beginnt in schöner Regelmäßigkeit zu schmerzen, wenn zu viele Epigonen das Feld beherrschen. Dann kommt – ein Riff genügt – wie bei Traumatisierten in Schüben alles wieder hoch, der Lärm der alten Tage, die Lust und der Schrecken der Siebziger, das ganze Wahnsinnsgetöse, es treibt den Dabeigewesenen Tränen in die Augen, und die nachgeborene Jugend staunt mit. Wie begnadet steinzeitmenschenhaft das Getrommel John Bonhams doch daherkam und wie avantgardistisch eng die Jeans von Robert Plant! Wie stoisch John Paul Jones seinen Bass traktierte! Vor allem aber: wie trefflich Jimmy Page seine Streitaxt zu führen wusste, die legendäre Doppelhälsige! Das alles gab es einmal, und was einmal war, drängt unweigerlich auf Wiederkehr. Die Gitarrenladenbesitzer dieser Welt können einem leidtun, denn es gibt kein Entrinnen. Mit Stairway To Heaven verhält es sich wie mit dem Bluesschema oder dem Eröffnungsriff von Smoke On The Water: Generationen von Hobbygitarristen ist die Tonfolge so mächtig in die Glieder gefahren, dass jeder Widerstand zwecklos ist. Und es ist ja nicht die einzige. Auf Mothership, der soeben erschienenen Hitsammlung letzter Hand (digital von Page persönlich remastert), kommt es zur Wiederbegegnung mit Heartbreaker, einer Frontalattacke aufs zentrale Nervensystem, und Whole Lotta Love, dem zweiten traumatogenen Zeppelin-Knaller. Da ist das dinosaurierhaft mit dem Schwanz schlagende Black Dog, da ist der Immigrant Song mit dem markerschütternden Brunftschrei Plants zur Eröffnung und jenes Stück namens Rock ’n’ Roll, dessen hormonbefeuerter Krach klingt, als sei er direkt aus der Hypophyse herausgerockt. Was immer man über diese Lieder sagen mag: Kalt lassen sie keinen. Gemeinsam sind sie in das kollektive Gedächtnis einer Ära eingegangen, die die Band geprägt hat wie keine andere.

Wer von Led Zeppelin spricht, darf von den siebziger Jahren nicht schweigen, diesem seltsamen Jahrzehnt der Steigerungen bei gleichzeitigem Verlust jeglicher Richtung. Wenn demnächst das rituelle 68er-Gedenken über uns hereinbricht, sollte mitbedacht werden, dass es eigentlich die Siebziger waren, in denen die Saat der Revolte lebensweltlich aufging. Die Welt wurde bunter, drastischer, poppiger, ondulierter als in der schwarz-weißen Vorgängerdekade und der Sound drehte auf. Alles schien machbar mit den entsprechenden technischen Mitteln, was fehlte, war der Glaube, dass das, was unter günstigeren Bedingungen begonnen worden war, noch zu einem guten Ende zu führen sei. Der heilige Ernst, mit dem die Innovationen der Siebziger vorangetrieben wurden, hat etwas Forciertes: Man ahnte bereits, dass etwas an den Utopien selbst faul war, marschierte jedoch umso entschlossener ins Vage. An dieser Front kämpften die vier von Led Zeppelin in vorderster Reihe.

Mit musikalischen Kriterien allein lässt sich ihr Wirken nicht erklären, obwohl sie mit dem Umschmieden traditionellen Bluesrocks zu Heavy Metal auch hier wegweisend waren. Ihre eigentliche Leistung besteht darin, praktisch alles erfunden zu haben, was das Jahrzehnt so großartig und (vor allem gegen Ende) gleichzeitig so furchtbar machte: das Stadionkonzert, die moderne Lightshow, die Materialschlacht auf offener Bühne. Sie haben den Marshall-Turm zum State of the Art erhoben und das bis an die Grenze des Onanistischen vorangetriebene Schlagzeugsolo, auf ihr Konto gehen das Platinalbum, die Hotelzimmerverwüstung, der öffentlichkeitswirksame Exzess. Mit anderen Worten: In einem Gewaltakt, an dessen Ende 1980 der Drogentod Bonhams stand, haben diese Männer alles ausprobiert, was im Rahmen ihrer Zeit auszuprobieren war. In ihren besten Momenten gelang es ihnen dabei, dem Drängen der Epoche seinen amtlichen Ausdruck zu verleihen. Im schlechteren Fall blieb es bei leerem Bombast. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben.

Der Led-Zeppelin-Sound ist der Sound heroischen Frusts, und kein Bild fasst dies genauer als das am Boden klebende Luftschiff auf dem Cover ihrer ersten LP. Es zeigt den Phallus in Ketten, eine Energie, die über sich selbst hinauswill und doch auf rätselhafte Weise zum Stillstand verurteilt ist. Niemand weiß bis heute zu sagen, was Stairway To Heaven eigentlich sagen will, im Zweifelsfall: gar nichts. "Das konsternierte Publikum begreift, dass hier Rockmusik nur noch ein Ego-Trip ist", schrieb Franz Schöler damals in der ZEIT. Richtig ist: Diese Musik will so viel, dass darüber stets der Abgrund der Phrase droht, sie ergeht sich in Pathosformeln, um dann doch vor der letzten Konsequenz zurückzuschrecken – dem Gelächter über die eigene Angestrengtheit. Es blieb anderen vorbehalten, diese Grenze zu überschreiten, dem Punk im Zynismus, dem Metal in der Parodie. Bands wie Queen haben dem schweren Rock eine humoristische Qualität gegeben, die Led Zeppelin nie erreichten. Ihr beständiges Stürmen und Drängen hat etwas Unerlöstes. Vielleicht mussten sie deshalb noch einmal zusammenfinden.