Vom Schrecklichsten gab es bisher keine Bilder. Es gab Originalaufnahmen von Massenerschießungen osteuropäischer Juden. Es gab Fotos von Deportationen, von der Ankunft in Auschwitz, von Selektionen, von Häftlingen auf dem Weg zur »Sonderbehandlung«, von Kofferbergen, Kleiderbergen, Leichenbergen. Es gab Ohrenzeugenberichte von den Schreien aus der Gaskammer und Augenzeugenberichte der Sonderkommandos, die die ineinander verkrallten Toten ins Krematorium transportieren mussten. Aber während ihres langsamen Sterbens, wenn die Opfer zu Hunderten nackt in einen kalten Raum gepfercht standen und das Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B einzuatmen begannen, blieben sie allein – allein mit dem Schock über den tatsächlich aus den Duschköpfen auf sie herabströmenden Tod. »Das zu zeigen«, sagte der Regisseur des epochalen Dokumentarfilms Shoah, Claude Lanzmann, letzte Woche in einem Interview mit der FAZ, »hat niemand gewagt.«

Aber nun gibt es doch ein Bild aus dem verborgenen Innenraum des Holocaust, von dort, wo selbst die SS nicht filmte, sondern das Licht ausschaltete, sobald sie die giftigen Pellets in die Belüftungsöffnungen schüttete. Es ist eine mutige Szene aus einer der mutigsten Inszenierungen der bisherigen Tanzgeschichte, Jutta Czurdas dreistündigem Requiem Mayim Mayim, das einen Tag nach Erscheinen des Lanzmann-Interviews Premiere in Fürth hatte. Man muss sich eine einsame Frauenfigur auf halbdunkler Bühne vorstellen, wie sie ruckartig tanzt, ohne vom Fleck zu kommen. Aber was heißt hier tanzen? Sie geht nicht, und sie kriecht nicht, sie rutscht, am Boden sitzend, in stoßweißen Schüben rückwärts, seitwärts, vorwärts. Ihre Gliedmaßen fliegen, ihre Schultern zucken, ihr ganzer Körper bebt in dem übermenschlichen Versuch, eine Art Haltung zu bewahren. Und plötzlich treibt es die Frau hoch, sodass sie frontal zum Publikum steht, fest und etwas breitbeinig, mit hängenden Armen, aufrechtem Oberkörper, gerecktem Hals und stumm aufgerissenem Mund wie eine Ertrinkende oder eine lebendige Version von Edvard Munchs Gemälde Der Schrei . Als einzige Regung sieht man das Pumpen ihres Atems. Die vollkommene Stille im Zuschauerraum trägt das Geräusch ihres Keuchens bis in die letzte Reihe.

Die 19. Szene in dieser außergewöhnlichen Tanzcollage, bestehend aus 33 Solochoreografien zum Gedenken an 33 ermordete Kinder des jüdischen Waisenhauses Fürth, ist keine naturalistische Abbildung des Holocaust, sondern eine Tanztheaterallegorie für die Auslöschung des menschlichen Körpers. Ihr Gelingen lässt sich in Worten schwerlich nacherzählen. Denn hier nimmt die unsägliche letzte Angst tatsächlich Gestalt an. Der Körper war ja seit 1945 kaum Thema in den moralphilosophischen Kunstdebatten über die Undarstellbarkeit des Judenmords. »Wenn die Greuel ein bestimmtes Maß erreicht haben«, hatte Bertolt Brecht bereits 1933 in einem Gedicht geschrieben, »gehen die Beispiele aus. Die Untaten vermehren sich / Und die Wehrufe verstummen. / Die Verbrechen gehen frech auf die Straße / Und spotten laut der Beschreibung.« Dieses Verstummen betrifft in der Nachkriegsliteratur vor allem den zerschundenen, gequälten, ausgezehrten, entwürdigten Körper als Gefäß einer gedemütigten Seele. Zwar kennt heute jeder die Befreiungsfotos der knochendürren Gestalten mit den geschorenen Schädeln und den eingesunkenen Gesichtern. Zwar haben die wenigen überlebenden Häftlinge der Sonderkommandos berichtet, wie der Körper sich im Todeskampf grausam verselbstständigt, wie er andere Körper niedertrampelt und noch nach dem letzten Schluck Luft giert, wenn es keine Rettung mehr gibt. Doch in der intellektuellen Aufarbeitung wurden die extremen physischen Zurichtungen, die mit dem Holocaust einhergingen, nach Möglichkeit tabuisiert: Halb aus Scham, halb aus Respekt vor den Ermordeten verlegte man sich auf nüchtern-statistisches oder abstrakt-poetisches Umschreiben des Massenmords.

Das Berührungsverbot gilt noch immer. Deshalb braucht man als Zuschauer von Mayim Mayim (Hebräisch für »Wasser« als Sinnbild des Lebens) eine Weile, um zu erkennen, worauf Szene 19 sich bezieht. Erst als mehrere Tänzer sich um die keuchende Frau gruppieren, begreift man. Sie atmen nun im Chor und fallen dann abrupt zu Boden, sodass die Bühne mit einem Schlag leer ist bis auf die schwarz gekleideten Musiker im Hintergrund. Dann kommen die Tänzer wieder hoch, stehen noch einmal keuchend, sacken zusammen, stehen auf, sacken weg…

Jutta Czurda hat vor über einem Jahr bei 33 internationalen Choreografen kurze Soli bestellt und sie zu einem eindrucksvollen Ganzen komponiert. Szene 19 stammt von Henrietta Horn, Szene 1 von der Nestorin des israelischen Tanzes, Yehudit Arnon, andere Szenen von Rami Be’er, Sasha Waltz, Tero Saarinen, Ohad Naharin, Elisa Monte und auch von weniger bekannten Künstlern, etwa aus dem Senegal, aus Indien, von der Elfenbeinküste. Sie alle haben je einen Tänzer oder eine Tänzerin nach Fürth entsandt.

Das klingt zunächst nur gut gemeint, ist aber als Kunstwerk grandios gemacht. Denn die disparaten Gesten aus verschiedenen Kulturkreisen drücken alle Aspekte des Schmerzes aus, aber auch das innere Aufbegehren der Opfer und die Lebendigkeit der verschwundenen, in Rauch aufgegangenen Menschen, die mit der Zahl sechs Millionen nun einmal nicht zu erfassen sind. Den Rahmen der Großchoreografie bildet eine vielstimmige Komposition von Gregor Hübner, die vom jiddischen Lied über Jazz und improvisierte Percussion bis hin zum Blues alles zusammenbindet. Ein Theaterwunder in der Provinz, an einem Theater ohne Ensemble, realisiert ohne Choreografenhonorar, durch großzügige Spenden der Fürther Bürger und durch Gastfamilien, die die Tänzer für die Dauer der zweiwöchigen Endproben und der fünf Aufführungen bei sich beherbergten.