Am Grünen Hügel von Bayreuth, in der Familien-Saga der Wagners, waren die Frauen immer mehr als nur Gattinnen an der Seite ihrer bedeutenden Männer. Stark, machtbewusst, zupackend sind sie Generation für Generation in Erscheinung getreten, das Familienkunsterbe nach innen wie außen zäh verteidigend. Cosima Wagner, die ihren Richard um 47 Jahre überlebte, war die erste respektgebietende "Gralshüterin" von Bayreuth. Auf sie folgte die Hitler-Freundin und "Hohe Frau" Winifred, die die Festspiele während der Nazizeit leitete und den Familienbesitz 1973 in eine Stiftung unter staatlicher Leitung überführte. In den letzten Jahren wurde immer deutlicher, dass erneut eine Frau die Geschicke am Grünen Hügel lenkte: Gudrun, die Ehefrau des amtierenden Festspielchefs Wolfgang Wagner. In der vergangenen Woche ist sie völlig überraschend im Alter von 63 Jahren infolge einer Operation gestorben.

Offiziell war Gudrun Wagner nur die persönliche Referentin ihres inzwischen 88-jährigen Mannes. Aber je älter er wurde, desto stärker war sie in die Entscheidungsprozesse bei den Bayreuther Festspielen involviert. Seit Jahren galt sie als heimliche Chefin am Grünen Hügel, was freilich allenfalls hinter vorgehaltener Hand bestätigt wurde. Wer es öffentlich aussprach, erhielt Post von Rechtsanwälten aus dem Hause Wagner.

Formal ändert Gudrun Wagners Tod nichts an den Bayreuther Verhältnissen. Wolfgang Wagner besitzt einen lebenslangen Vertrag als künstlerischer Leiter der Festspiele, er bleibt bis auf Weiteres im Amt. Aber ganz praktisch fehlt nun die Person, die einen großen Teil der Arbeit gemacht hat. Immer unseliger und verfahrener wird so die Situation bei den berühmtesten Musikfestspielen der Welt. Man ist es müde, die ewigen Wenn-dann- und Wer-mit-wem-nicht-Szenarien zu verfolgen, in deren Verästelungen sich die Zukunft von Bayreuth zu verlieren droht. Vielleicht bewirkt der Tod von Gudrun Wagner, die am Montag im Familiengrab der Wagners beigesetzt wurde, in diesem Sinne ja etwas Gutes: Der Druck auf die Beteiligten wird größer, nun endlich zu einer Entscheidung darüber zu kommen, wie es künstlerisch und personell am Grünen Hügel weitergehen soll. Da mag der Pressesprecher der Festspiele noch so unverdrossen erklären, es bestehe kein Grund zur Eile für eine Neuregelung der künstlerischen Leitung. Es wird höchste Zeit.

Plattenrezensionen, Künstlerportraits, Bildergalerien und unser Festivalblog gibt's auf zeit.de/musik "

Sie wollen auf dem Laufenden bleiben? Klicken Sie hier , und unser RSS-Newsletter bringt Ihnen die Musik direkt auf den Schirm.