"Den 20. ging Lenz durchs Gebirg." So beginnt Georg Büchners 1835 fragmentarisch belassene Novelle Lenz. Sie hat den Besuch des in höchster seelischer Verwirrung hin und her gerissenen Sturm-und-Drang-Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz bei dem elsässischen Pfarrer Johann Friedrich Oberlin zum äußerlichen Gegenstand. Freunde von Lenz und Oberlin hatten dem Dichter geraten, sich in die Obhut des Geistlichen zu begeben, dem offenbar schon damals, 1778, eine besondere seelsorgerische Begabung zugetraut worden war. Allein, bereits nach knapp drei Wochen muss Oberlin erkennen, dass er mit dem im nackten Irrsinn und in wüsten Selbstmordanläufen aufbrausenden Patienten völlig überfordert ist, und lässt ihn unter Attachierung von drei Begleitern und zwei Fuhrleuten nach Straßburg bringen, wo sich für Oberlin – aber auch für Büchners Novelle – dessen Spur verliert: "So lebte er hin."

"Den 20. Januar 1778 kam er hieher." So beginnt der Bericht, den Oberlin selber bald nach Lenzens Abreise aus Waldersbach im elsässischen Steintal niederschrieb. Dieser Rapport diente nicht nur Jahrzehnte später Georg Büchner als Hauptquelle seines Erzählprojekts, sondern Oberlin selber zur Rechenschaft: "Sooft wir reden wird von uns geurteilt, will geschweigen, wenn wir handeln. Hier schon fällte man verschiedene Urteile von uns; die einen sagen: wir hätten ihn gar nicht aufnehmen sollen, – die anderen: wir hätten ihn nicht so lange behalten, – und die dritten: wir hätten ihn noch nicht fortschicken sollen."

Diese drei Wochen im Leben des Johann Friedrich Oberlin haben seinen Nachruhm literarisch überhöht – begründet haben ihn aber die 59 Jahre eines einzigartigen Pfarr-, Gottes- und Weltdienstes in einer rückständigen Dorfpfarrei, so nahe bei Straßburg und doch so entfernt vom zeitgenössischen Leben.

Am Anfang dieses Dienstes steht ein Schriftstück, das Oberlin zu Neujahr 1760, noch vor seinem zwanzigsten Geburtstag, aufgesetzt hat, im seelenbewegten pietistischen Geiste. Es trägt die Überschrift Feierliche Akte der Gottesweihe. Darin heißt es unter anderem: "Unendlicher, ewig seeliger Gott! (…) Dir widme ich alles, was ich bin und habe: die Kräfte meiner Seele, die Glieder meines Leibes, meine Zeit und zeitlichen Güter (…)." Wer aber ist Gott?

Religionen gibt es viele – Gott aber nur als Singular. Unübersehbar groß ist die Zahl der Vorstellungen, mit denen Menschen seit je ihr endliches Leben in ein Sinngefüge einzubetten versuchen, das vor ihnen existierte und über sie hinausreicht. Auch der vergleichenden Religionswissenschaft ist es nicht gelungen, all die ewigkeitsbezogenen Weltanschauungen, Religionen und Kulte (Ahnenkulte, Geisterkulte, Naturkulte, Reinkarnationskulte, Mythen aller Arten) in einem System zu ordnen. Solche Versuche können kaum über Friedrich Daniel Schleiermacher hinausgreifen, der – übrigens just zur Zeit Oberlins — formuliert hatte, Religion sei das individuelle "Bewusstsein schlechthinniger Abhängigkeit". Wenn man Oberlins Bekenntnis liest, gewinnt diese Definition zwar unmittelbare Plausibilität, sie bleibt aber im Grund doch hoch formal. Wo läge auch das Gemeinsame zum Beispiel zwischen einem Kult, in dem man Menschenorgane verzehrt, um sich die Kraft der Toten anzueignen, und einer Religion, die den Verzehr selbst tierischen Blutes verbietet und deshalb das Schächten verlangt, weil aus ihrer Sicht das Blut der Sitz des Lebens ist, das selber nie verletzt werden darf?

Religionen im Plural – Gott aber nur im Singular. "Gott" gibt es nur im Monotheismus, also in den drei abrahamitischen Religionen (benannt nach dem ihnen gemeinsamen legendären Stammvater Abraham), im Judentum, Christentum und Islam. Die Kultkonzentration auf einen Gott ist die singuläre kulturgeschichtliche, über eine längere Zeit hin aufgebaute Innovation des frühen Judentums. Erst mit diesem einen Gott tritt etwas in die Religionsgeschichte ein, das sich gerade auch im Beispiel Oberlins so plastisch zeigt: Ein Gott, der sich zwar von den Menschen strikt unterscheidet (insofern er ewig, überall, allwissend und allmächtig ist), der ihnen aber in Person gegenübertritt (stets liebend, öfters zürnend, im Christentum sogar leidend) und zu dem der einzelne Mensch wiederum in eine höchst persönliche Beziehung treten kann; so persönlich, ja geradezu intim, dass er ihn in allen Fragen des Lebens und Sterbens anredet: "Dir widme ich alles, was ich bin und habe." Insofern ist diese höchstpersönliche und subjektive Gottesbeziehung der jüdisch-christlichen Variante eine der sehr frühen Wurzeln des westlichen Individualismus der Moderne.