Gewissheit gibt es nicht: »Die ganz persönlichen Fragen – die eigenen Eltern betreffend – blieben zum großen Teil offen.« Wie Ute, Jahrgang 1937, plagen sich viele Kriegskinder mit düsteren Ahnungen, halben Wahrheiten, schlimmen Vermutungen. Sie wissen Bescheid über Adolf Hitler und den Holocaust. Aber das Wesentliche haben sie versäumt. Sie haben keine Fragen gestellt, damals, als Vater und Mutter noch lebten. Und die Eltern schwiegen beharrlich. Es ist, wie Margarete Dörr bilanziert, diese »Geheimnistuerei einer ganzen Generation«, die jenseits wissenschaftlicher Studien und öffentlicher Gedenktage die seelische Aufarbeitung des »Dritten Reiches« blockiert.

Margarete Dörrs über tausendseitige Dokumentation Der Krieg hat uns geprägt wird daran vermutlich nichts ändern. Aber sie ist eine berührende Lektüre, die nicht weniger als die Geschichte eines Höllensturzes erzählt: wie das NS-Regime sein antisemitisches, militaristisches Gift in die Ohren der Jüngsten träufelte, bis aus den Pimpf- und Jungmädelspielen blutiger Ernst wurde. Nicht wenige, die Hitlers Parolen begeistert gefolgt waren, fanden sich verwaist, ausgebombt im Luftschutzkeller oder auf Flüchtlingstrecks wieder. Fünfhundert Zeitzeugen hat Margarete Dörr um Berichte und Einschätzungen gebeten. Für viele kam die Anregung der pensionierten Stuttgarter Lehrerin offenbar zur rechten Zeit. Auf der Schwelle zur letzten Lebensphase werden die Kriegskinder von ihren Albträumen eingeholt und werfen scheue Blicke in Feldpostbriefe oder Tagebücher. Was sie dabei entdecken, sorgt nicht immer für Erleichterung.

»Blindgehorsam und blindgläubig«, so erlebte die heute knapp achtzigjährige Anneliese ihre ansonsten blitzgescheite Mutter im April 1945. Noch immer kann die Tochter nicht fassen, dass die Mutter »so blind in politischer Hinsicht« und damit alles andere als eine Ausnahme war. Überhaupt sind die Mütter die Schlüsselfiguren der Erinnerung. Sie haben sich, so der durchgehende Tenor, für ihre Kinder geopfert – haben im Bombenhagel noch Geborgenheit geschenkt, sich auf der Flucht vergewaltigen lassen, damit die Töchter verschont blieben, und Hunger gelitten, um die Mäuler der Kleinsten zu stopfen.

Der Preis für diesen Durchhaltewillen war enorm, und die Kinder mussten ihn bezahlen. Die »anhaltende Gefühlserstarrung«, die Margarete Dörr als Folge von Angst und Kriegstraumata diagnostiziert, nimmt bei den Müttern ihren Anfang. Mit der Niederlage riss der emotionale Faden, nach 1945 beschwiegen die Familien kollektiv jene wahnhafte Führer-Verblendung, der so viele erlegen waren. Die Vergangenheit blieb draußen vor der Tür und mit ihr die Chance, das ganze Ausmaß der Katastrophe und die eigene Verstrickung zu begreifen.

Die Kinder wagten es nicht, an den Schweigemauern zu rütteln. Sie saßen mittendrin, froh ums eigene Überleben und dankbar, wenn der Vater irgendwann aus der Gefangenschaft heim kam. Wer liest, was manche noch in den letzten Kriegswirren aushalten mussten – das Erfrieren der Geschwister, die tödliche Folterung der Mutter, den Selbstmord der Großeltern –, kann die Fassungslosigkeit einer ganzen Generation ermessen, deren innere Abwehr erst Jahrzehnte später zu bröckeln begann. Dennoch stand sie den drängenden Fragen der Nachgeborenen häufig hilflos gegenüber.

Eine massive Verunsicherung ist geblieben. »Ich hab im Leben gar nicht so recht Platz genommen, war immer so auf Abruf«, schreibt eine 1932 geborene, bei einem Bombenangriff schwer verwundete Frau. Andere quälen sich zeitlebens mit dem Bild des Vaters, der ihnen zärtlich zugewandt schien, während er zugleich Zwangsarbeiter malträtierte oder Juden erschoss. So hat das »Dritte Reich« tief misstrauische Nachkommen hervorgebracht, die den väterlichen Lebensweg verzweifelt zu verstehen suchen, um die eigene Identität zu bewahren.