Als der 32-jährige Friedrich Flick 1915 in den Vorstand der Siegerländer Charlottenhütte eintrat, ahnte wohl niemand, dass damit der Startschuss zur erstaunlichsten Unternehmerkarriere der deutschen Geschichte gefallen war. Im Jahre 1972, als Flick hochbetagt und hochgeehrt starb, repräsentierte sein Konzern den größten Industriekomplex Europas mit rund 200000 Beschäftigten. Auch zu diesem Zeitpunkt vermutete wohl niemand, dass der Konzern dreizehn Jahre später sang- und klanglos aufgelöst werden und in der wirtschaftlichen Versenkung verschwinden würde.

Der Auflösung vorausgegangen war ein Parteispenden-Skandal, der als Flick-Affäre in die Annalen der bundesdeutschen Geschichte einging und bis heute zum schlechten Image des Namens Flick beigetragen hat. Er zeigte eine Fehlentwicklung im Verhältnis von Großindustrie und Politik in der Bundesrepublik Deutschland an, die im berühmten Wort des Flick-Managers Eberhard von Brauchitsch von der »Pflege der Bonner Landschaft« beispielhaft zum Ausdruck kam.

Die enge Verbindung zwischen »politischer Landschaft« und Flick-Konzern kennzeichnete jedoch nicht nur dessen Spätphase in der Bundesrepublik. Sie könnte geradezu als Leitmotiv der gesamten Konzerngeschichte gelten, wie der Historiker Kim Christian Priemel detailliert nachweist.

In diesem wichtigen Buch geht es freilich um mehr als eine vordergründige Chronique scandaleuse. Priemel arbeitet vor allem den zentralen Einfluss politischer Großereignisse und Parameter wie Kriege, Inflation, Rüstungs- und Rassenpolitik auf den Flick-Konzern heraus, die ihm entscheidende Expansionsmöglichkeiten eröffneten. Dabei war der Konzern alles andere als ein lediglich passiver Nutznießer. Virtuos spannte Flick, der sich selbst gern zum Sinnbild eines freien, liberalen Unternehmertums stilisierte, die Politik in seine Firmenstrategien ein. Er sicherte unternehmerische Risiken staatlicherseits ab, befreite sich mit öffentlichem Geld aus finanziellen Notlagen und nutzte Expansionschancen auch dann, wenn sie seinen Konzern tief in eine verbrecherische Politik verstrickten. So lässt sich Priemels voluminöses Werk auch als eine paradigmatische Studie über das Verhältnis von Wirtschaft und Politik in Deutschland im 20. Jahrhundert lesen.

Als Friedrich Flick im Ersten Weltkrieg die schwerindustrielle Bühne betrat, wurde die Branche noch durch traditionsreiche Familienunternehmen wie Krupp und Thyssen dominiert. Ein latecomer wie Flick konnte sich in dieser Situation nur etablieren, wenn er Anteile bestehender Unternehmen erwarb und mit deren Gewinnen weitere Beteiligungen finanzierte. Die staatliche Kontingentierungspraxis im Krieg und die risikolosen Unternehmensgewinne boten hierfür ideale Voraussetzungen. Als Vorstandsmitglied und Aktionär der Charlottenhütte AG sowie als Teilhaber einer Schrotthandelsfirma machte Flick glänzende Gewinne, die er sogleich für den weiteren Erwerb von Aktien verwendete. Zudem begünstigte der zunehmende Währungsverfall kreditfinanzierte Unternehmenskäufe, die Flick als Kriegs- und Inflationsgewinnler nach 1918 vehement fortsetzte. Der sich auf diese Weise ausbildende Konzern war vor allem ein hochgradig fluides Konglomerat verschiedener Firmen, die Flick durch Aktienkauf oder Unternehmensfusion gern heimlich majorisierte. Als Typus entsprach der Emporkömmling aus dem Siegerland nicht dem klassischen traditionsgebundenen Familienunternehmer, sondern einem Großaktionär, der Firmenanteile ohne Zögern erwarb und ebenso schnell wieder abstieß.

Um 1930 kontrollierte er unter anderem die bedeutende Gelsenkirchener Bergwerks AG und mittelbar den damals größten Montankonzern des Ruhrgebiets, die Vereinigten Stahlwerke. Die Weltwirtschaftskrise setzte dieser Expansion jedoch ein jähes Ende, weil Flick auf Börsengewinne und Dividenden angewiesen war, um seine Zahlungsverpflichtungen zu bedienen. Als die Gewinne ausblieben, stand er vor dem finanziellen Kollaps. Nur seine guten persönlichen Beziehungen in die Politik, die mit massiven Parteispenden eifrig gepflegt wurden, bewahrten ihn vor dem Ruin. Auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise 1932 übernahm das Reich einen Großteil von Flicks Schulden – ein Coup, der als Gelsenberg-Affäre in der Öffentlichkeit für helle Empörung sorgte.