Ein Buch zu diesem Thema war überfällig. Abgesehen von Rolf Steiningers Überblicksdarstellung mit dem bezeichnenden Titel Der vergessene Krieg, bot der deutsche Markt bis dato keine verlässliche, auf der Höhe der internationalen Forschung befindliche Studie zum Koreakrieg. Und die Zeithistoriker hierzulande müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, eines der dramatischsten Kapitel des Kalten Krieges beharrlich ignoriert zu haben – eines Kriegs, an dessen Ende es nichts mehr zu bombardieren gab, weil die US-Luftwaffe buchstäblich alle Ziele pulverisiert hatte, der mehr Zivilisten das Leben kostete als die Bombenteppiche über Deutschland und Japan wenige Jahre zuvor und der angesichts vielfacher Überlegungen zum Einsatz von Atomwaffen ein Fiasko ganz anderer Art hätte heraufbeschwören können.

Gestützt auf vornehmlich angelsächsische Studien, entfaltet Jörg Friedrich ein beeindruckendes Panorama, tiefenscharf bei der Betrachtung des historischen Hintergrundes wie in der Analyse des Kriegsverlaufs. Diese Synopse allein macht das Buch lesenswert. Doch Friedrich legt mehr als nur ein Kompendium aktuellen Wissens vor. Er stellt eigenwillige Fragen und wartet mit zum Teil überraschenden Antworten auf, die zwar nicht in allen Teilen überzeugen mögen, aber eine in der Perspektive veränderte Betrachtung nahelegen.

So wird vor allem die Interpretation der Kriegsursachen für Diskussionsstoff sorgen. In Fachkreisen ist unbestritten, dass der von Hybris geblendete Diktator Nordkoreas, Kim Il Sung, allen Ernstes der Meinung war, Stalin vor den Karren seines Größenwahns spannen zu können. Sage und schreibe 28 Mal wurde er zwischen März 1949 und Februar 1950 mit der Bitte um einen von Moskau alimentierten Überfall auf Südkorea im Kreml vorstellig, geleitet von der Erwartung, Stalin durch zeitgleiche Avancen an China und mithin durch die Furcht vor einem zweiten Rom, einem konkurrierenden Machtzentrum in Peking, unter Druck setzen zu können.

Wie Stalin die Chinesen auf die Waffenbrüderschaft verpflichtete

Stalin durchschaute das Hantieren mit der Solidaritätsfalle und wies Kim rüde ab, wohl auch im Wissen darum, dass das Regime Syngman Rhees im Süden in absehbarer Zeit ohnehin an seinen hausgemachten Problemen scheitern und den Kommunisten kampflos in den Schoß fallen würde. Dennoch erhörte Stalin im März 1950 Kims Bitte und stellte nebst Waffen auch die entscheidenden Operationspläne für den drei Monate später vollzogenen Angriff – unter der Bedingung, dass die UdSSR im Hintergrund blieb und die kriegswichtige Unterstützung mit Truppen ausschließlich von China zu leisten war.

Mit anderen Historikern teilt Jörg Friedrich die Vermutung, dass Stalin ohne Mühe Mao auf die Waffenbrüderschaft verpflichten konnte, war dieser doch von dem Wunsch beseelt, lieber früher als später die Amerikaner aus dem Nachbarland zu vertreiben und damit den Hegemonie stiftenden Nimbus eines "Befreiers von Asien" einzuheimsen. Für Stalin wiederum versprach dieses Szenario weit größeren Gewinn. Denn nichts würde China politisch mehr schwächen als eine kostenträchtige militärische Konfrontation mit US-Truppen in Korea.