Heinrich Haasis ist müde. Mit beiden Händen schiebt er die Brille nach oben, reibt sich die Augen. Er kann sich nicht verstecken, dort oben auf dem Podium. Er kann aber auch nicht verbergen, dass er die Forderungen des Mannes am Rednerpult viel zu gut kennt, um gebannt zuzuhören. Haasis schließt die Augen, stützt seinen Kopf auf die offene linke Hand. Kann er sich so besser konzentrieren? Döst er? Haasis schreckt auf. "Wir brauchen wenige, dafür aber stärkere Banken", sagt der Mann am Rednerpult. Es ist Klaus-Peter Müller, Vorstandssprecher der Commerzbank und Chef des Bundesverbandes deutscher Banken.

2007 ist ein hartes Jahr für den "Kollegen Haasis", wie Müller ihn auf der Veranstaltung Ende November in Frankfurt nennt. Sommerurlaub? Gab es keinen. Der nächtliche Schlaf? Fällt meist kürzer aus als nötig. Von seiner Frau muss Haasis sich bei einem Spaziergang schon mal sagen lassen, er sei ja überhaupt nicht da. Kein Wunder: Eine Bankenkrise folgt der nächsten – und Haasis ist immer mittendrin. Er ist Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), spricht damit – unter anderem – für 457 Sparkassen und elf Landesbanken. Kurz: Haasis ist eine Macht. Wer in der deutschen Bankenszene etwas bewegen will, kommt an ihm nicht vorbei.

Zunächst der Sommer. Da schien Heinrich Haasis noch alles zu gelingen. In einer Telekonferenz retteten er und andere Größen der deutschen Finanzwelt Ende Juli die private IKB Deutsche Industriebank vor der Zahlungsunfähigkeit. Wenige Wochen später war Haasis maßgeblich daran beteiligt, dass die angeschlagene SachsenLB handstreichartig von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) übernommen wurde. Ende August dann schien die von ihm öffentlich befürwortete Fusion der LBBW mit der kriselnden WestLB nur noch eine Formsache zu sein, schien die lange angemahnte Konsolidierung der sieben eigenständigen Landesbanken endlich an Momentum zu gewinnen.

Jetzt, nur wenige Monate später, kracht es wieder. Vergangene Woche zeigte sich, dass die Verluste der IKB infolge der weltweiten Finanzkrise weit größer sind als erwartet. Eine neuerliche Geldspritze wurde unabdingbar. Dann räumte die LBBW Belastungen von 800 Millionen Euro ein. Zeitgleich häuften sich Berichte, sie erwäge, die Übernahme der SachsenLB abzublasen. Als wäre all das nicht genug, mehrten sich die Spekulationen, dass die WestLB 2007 wegen der Marktturbulenzen einen Verlust von 500 Millionen Euro und mehr schreiben werde. Aufsichtsratschef Rolf Gerlach verkündete vorzeitig abzutreten. Er ist verärgert über Nordrhein-Westfalen – das Land ist einer der Eigentümer der WestLB und blockiert seit Monaten die Fusion mit der LBBW.

"Das Thema ist für den Augenblick erledigt", sagt Haasis. In das Bankgutachten, das das Land dieser Tage vorlegt, setzt er keine Hoffnung. "Selbst wenn NRW jetzt eine Fusion befürworten würde – es wäre sicher schwierig, in Baden-Württemberg noch eine Mehrheit dafür zu bekommen." Zu groß sind derzeit die Unwägbarkeiten in den Bilanzen und der Politik. War der Druck auf Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) zu groß? "Ich habe keinen Druck aufgebaut." Ist Haasis gescheitert, er, der sagt, dass die Landesbanken zwar wichtig seien, nicht aber in dieser Zahl? Nein, die Konsolidierung komme nächstes Jahr wieder auf die Tagesordnung. Und selbst wenn. "Ich nehme die Gefahr in Kauf, dass mich manche später vielleicht als Verlierer bezeichnen. Es ist nicht meine Art, mich nur dort zu äußern, wo ich nur gewinnen kann."

Auch Aufgeben ist Haasis Sache nicht. Unendlich zäh, ausdauernd, hartnäckig – so beschreiben ihn viele. "Heiner ist ein Kämpfer", sagt Klaus Mangold, bis 2003 Vorstand bei DaimlerChrysler und seit Jahren ein sehr guter Freund. "Hat er etwas als richtig erkannt, hat er die Mentalität eines passionierten Jagdhundes. Dann bleibt er dran." Und zwar leise. "Sie merken gar nicht, dass er noch dranbleibt", sagt einer, der Haasis aus früheren Zeiten kennt. Haasis gilt als Strippenzieher und als extrem gut vernetzt. Er zählt zum Andenpakt, einem Kreis von CDU-Politikern, dem auch die Ministerpräsidenten Oettinger, Wulff und Koch angehören. Man kennt sich, man duzt sich. Haasis genügt oft ein Griff zum Handy. Ohnehin gilt er als einer, der ständig telefoniert, ständig erreichbar ist.