Im vorliegenden Band geht es um Erinnerungen, Prägungen, Lebensgeschichten. Befragt wurden nicht Kinder von Tätern oder von Leidtragenden (um das so doppelbödige Wort Opfer zu vermeiden), sondern Nachkommen von Widerstandskämpfern. Auch sie hatten die Bürde der Vergangenheit zu tragen, waren zwar eher bewahrt vor verwirrenden Schuld- und Wutgefühlen, doch sie hatten ihre Väter oder Mütter verloren und konnten sich nicht einmal geborgen fühlen im Glanz von deren Heldentaten. Denn das Land liebte seine Helden nicht, sah »Verräter« in ihnen, die mitten im Krieg sich gegen ihr Vaterland gewendet hatten und damit gegen ihr Volk. »Vielleicht« schrieb Yorck von Wartenburg einmal, »kommt doch einmal eine Zeit, wo man eine andere Würdigung für unsere Haltung findet, wo man nicht als Lump, sondern als Mahnender und als Patriot gewertet wird.«

So herrschte auch in diesen Familien oft ein bleiernes Schweigen. Man sprach nicht über das, was geschehen war, wollte die Kinder schonen, irgendwie weiterleben. Erst in den späten fünfziger Jahren bekamen die Witwen endlich eine staatliche Rente zugesprochen.

Eva Madelung, Familientherapeutin in München, und der Bonner Historiker Joachim Scholtyseck haben bemerkt, dass viele Nachkommen von Widerstandskämpfern »schwer in die traumatischen Erfahrungen ihrer Eltern verstrickt« sind. Dem wollten sie nachgehen, mit Betroffenen reden. 15 Interviews haben sie und zwei Kolleginnen geführt und in diesem Band zusammengefasst. Darin versuchen sie, die seelischen Prägungen der Kinder von Widerstandseltern auszuloten.

Und wie es so ist im wirklichen Leben, sind die einen Kinder stark geworden, die anderen schwach, finden die einen, der Vater oder die Mutter habe richtig gehandelt, während die anderen sich ungeliebt fühlen, weil die Eltern für Volk und Vaterland kämpften, die Familie aber der Gefahr und der Not aussetzten. Die einen sind für den Tyrannenmord, andere lehnen das Attentat »als Akt der Gewalt« grundsätzlich ab. Und haben wohl auf diese Weise eine zur eigenen Befreiung notwendige Distanz zum Vater geschaffen. Manche haben unter ihren Heldenvätern gelitten. »Erst als ich die Widersprüchlichkeit seiner Biografie feststellte, konnte ich mit meiner eigenen Widersprüchlichkeit besser umgehen«, sagt Alfred von Hofacker.

Manche Mütter haben die toten Väter als Erziehungsinstanz instrumentalisiert: »Was würde Vater jetzt sagen, wenn er unter uns wäre.« Wie soll man da noch widersprechen? Manche fühlen sich als Opfer der Geschichte. Andere vom »radikalen Gewissen« der Väter überfordert. Einige erbten das Gefühl der Überlebensschuld jener Väter, die der Hinrichtung entgingen. Und nicht selten leiden die Nachfahren unter Depressionen oder gar Haftpsychosen. Fast alle allerdings sagen von sich, sie seien aufmüpfig, spürten einen »humanistischen Eifer« (Heinz Hermann Niemöller) in sich, fühlten eine Verpflichtung, Unrecht zu erkennen und zu benennen.

Interviewt wurden Kinder von Eltern aus dem militärischen, konservativen, sozialdemokratischen, christlichen, kommunistischen Widerstand. Da gibt es Väter, die den Nationalsozialismus zunächst begrüßt hatten, selber Parteimitglied und somit verstrickt waren und oft erst dann zum Widerstand stießen, als sie merkten, dass der Krieg verloren war. Andere, wie Ewald von Kleist-Schmenzin oder Adolf Lampe, wehrten sich schon vor 1933 gegen die aufkommende Macht der Nationalsozialisten und bekämpften sie.