Irgendwie kommt uns die Situation bekannt vor: Rund um den Platz sind Untergrundkämpfer in Stellung gegangen, auf den Dächern sind Beobachter und Scharfschützen platziert, junge Frauen halten unter ihren Gewändern Pistolen und Granaten bereit, um sie im entscheidenden Augenblick auf den Geldtransporter mit den Millionen zu werfen. Eine furchtbare Explosion, am Ende bleiben 40 Leichen auf dem Platz zurück, die Sicherheitskräfte sind überrumpelt oder wie meist zu spät gekommen. Das Leben im Untergrund ist kostspielig, es geht nicht ab ohne Überfälle, Schutzgelderpressungen, Kidnapping und das mediale Echo, das von Anfang an einkalkuliert ist. Aber die Szene spielt nicht in Bagdad oder Kabul im Jahre 2007, sondern im Zentrum der georgischen Hauptstadt Tiflis am 13. Juni 1907.

Mit diesem gut marxistisch als »Expropriation« deklarierten Bankraub lässt Simon Sebag Montefiore sein Buch über den jungen Stalin beginnen. Er katapultiert den Leser nicht auf einen exotischen Schauplatz, sondern an den Rand des von einer großen Revolution erschütterten russischen Imperiums, das einem Krieg und einer noch größeren Revolution entgegentaumelt. Im Kaukasus kommt vieles zusammen: eine fragile, brutale russische Kolonialherrschaft und ein Clanwesen, die Fieberhitze der boomenden Ölindustrie von Baku und Batumi, ein hochsensibles Völkergemisch und eine junge Bewegung, die nur darauf wartet, alles in die Luft zu sprengen. Montefiore führt in das Zwielicht, in dem sich revolutionäre Rhetorik und kriminelles Bandenwesen bis zur Ununterscheidbarkeit vermischen. Wir betreten das Laboratorium, in dem der Mann Stalin produziert wird.

Der britische Historiker, der erst vor drei Jahren eine überwältigend dichte Beschreibung des inneren Kerns der Macht – Stalin. Am Hof des Roten Zaren – vorgelegt hat, hat sich nun fast zwangsläufig den »Stalin davor« vorgenommen. Unter den hervorragenden Stalin-Biografen von Isaac Deutscher über Robert Conquest, Robert Payne und Robert Service bis Miklos Kun ist er derjenige, der sich damit ausschließlich auf die frühen, formativen Jahre konzentriert hat. Wiederum hat er einen fantastischen Quellenfundus erschlossen – und es ist ein großes Ärgernis, dass der Verlag in der deutschen Ausgabe gänzlich auf den kostbaren Anmerkungsapparat verzichtet hat und stattdessen auf eine entsprechende Website verweist! Besonders ergiebig waren die Archive in Georgien, die offensichtlich der Säuberungswut der Moskauer Zentrale entgangen waren und heute der Forschung zugänglich sind; der Autor konnte aber auch noch Interviews mit Verwandten und Freunden – etwa der 109 Jahre alten Mirjam Swanidse – führen und bis dahin unbekannte Details zutage fördern.

Ein Stalin-Biograf bekommt es indes nicht nur mit dem maßgeblich von seinem Rivalen Trotzkij gezeichneten Bild von Stalin als der »personifizierten Mittelmäßigkeit« oder dem »grauen Fleck« – so Nikolaj Suchanow, ein anderer einflussreicher Historiker der Oktoberrevolution – zu tun, sondern auch mit dem Problem, wie man sich als Historiker einer Art retrospektiver Teleologie entzieht, wonach bereits im idealistischen Seminaristen der kommende Massenmörder angelegt sein soll. Montefiore konzentriert sich streng – und manchmal zu üppig in anekdotischen Details – »auf das intime und geheime, politische und persönliche Leben Stalins und des kleinen Kreises, der die Sowjetunion begründet hat«. Aber zugleich soll das mehr sein als nur eine Biografie, vielmehr eine »veritable Vorgeschichte der UdSSR selbst, eine Studie des unterirdischen Wurmes und der stummen Larve, bevor der stählerne Schmetterling aus ihr schlüpfte«.

Die öfters wiederkehrende Formulierung »schon damals zeigte sich« belegt, dass es nicht einfach ist, aus dem Schlagschatten des kommenden Diktators herauszutreten. Montefiores Porträt zeigt eine ungewöhnlich begabte, aber moralisch defekte Persönlichkeit. 1878 in Gorij zur Welt gekommen, aufgewachsen in schwierigsten familiären Verhältnissen, vielfach gefördert von Menschen, die später zu seinen Opfern gehören werden, neugierig und bildungshungrig, war er von Kindesbeinen von Gewalttätigkeit – zu Hause und auf der Straße – umgeben. Von seiner Mutter zum Priester und gar Bischof bestimmt, als Chorknabe mit schöner Stimme, als Verfasser bemerkenswerter Gedichte und rebellischer Seminarist unterscheidet er sich nur wenig von anderen aufgeweckten Altersgenossen. Er liest die Autoren der Zeit – Victor Hugo, Tschernyschewskij, Darwin, Schiller –, verehrt später Plechanow und Marx, noch mehr aber die Rebellen der Tat, die Rechtsbrecher, die oft einfach Kriminelle und Banditen waren. Er ist zeitlebens Bewunderer Kamo Ter-Petrossjans, eines Terroristen pathologischen Zuschnitts.

Montefiore präpariert aus den Zeugnissen der Zeitgenossen einen von mancherlei physischen Handicaps und Minderwertigkeitskomplexen geplagten, aber auch einen mit »katzenhaftem Charisma« ausgestatteten Menschen heraus. Er geht Stalins zahllosen Liebschaften nach und spürt die von ihm gezeugten und im Stich gelassenen Kinder auf, er folgt ihm quer über den Kontinent an die Orte der Verbannung und der Parteizusammenkünfte – nach Stockholm, London, Stuttgart, Berlin (wo er mit Lenin Bankraubfragen bespricht) und nach Wien (wo er bei seinen Spaziergängen im Park von Schönbrunn durchaus dem anderen jungen Mann Hitler, den Brigitte Hamann so glänzend porträtiert hat, hätte begegnen können). Er zeichnet ihn als beweglich, intelligent, listig, alles andere als ein Bürokrat. Der Ausnahme- und Kriegszustand war für ihn nicht Doktrin, sondern eine Lebensform, der Untergrund sein eigentlicher Lebensraum, der einen Namen hat: konspirazija. Hier durchdringen sich zaristische Geheimpolizei und revolutionäre Kampforganisation.