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Im Frühjahr 1894 veröffentlichte der damals 36-jährige Historiker Ludwig Quidde eine kleine Schrift mit dem Titel Caligula. Eine Studie über römischen Cäsarenwahnsinn . Sie handelte scheinbar vom römischen Kaiser Cajus Cäsar, genannt Caligula (»Stiefelchen«), doch in Wirklichkeit zielte sie auf den deutschen Kaiser Wilhelm II., dessen selbstherrliche Allüren und sprunghafte Entschlüsse Quidde einer beißenden Kritik unterzog. Zunächst nahm kaum jemand von der Schrift Notiz. Doch im Mai brachte die hochkonservative Kreuz-Zeitung eine lange Besprechung, in der sie das »elende Machwerk« der Beachtung des Staatsanwalts empfahl.

Der Skandal war da. Die Presse stürzte sich auf die Broschüre, viele Zeitungen brachten lange Auszüge, in kurzer Zeit waren dreißig Auflagen gedruckt und verkauft. Doch der Verfasser zahlte für seine intelligente Analyse einen hohen Preis. Seine Kollegen rückten von ihm ab; an eine Professur für Geschichte war nicht mehr zu denken. Fortan engagierte sich Quidde verstärkt in der deutschen Friedensbewegung und wurde einer ihrer international geachteten Repräsentanten.

Wer war dieser Ludwig Quidde? Darüber gibt jetzt eine Biografie erschöpfend Auskunft. Verfasst hat sie der Bremer Historiker Karl Holl, der sich ein ganzes Forscherleben lang mit der Geschichte der Friedensbewegung beschäftigt hat – sein Buch Pazifismus in Deutschland , 1988 in der Neuen Historischen Bibliothek des Suhrkamp Verlages erschienen, ist das Beste, was zu diesem Thema jemals veröffentlicht wurde. Holl hat sich lange mit dem Gedanken an eine Biografie Quiddes getragen. Ausschlaggebend für den Entschluss, sie zu schreiben, war die zutreffende Beobachtung, dass von allen vier deutschen Trägern des Friedensnobelpreises – Gustav Stresemann (1926), Ludwig Quidde (1927), Carl von Ossietzky (1935) und Willy Brandt (1971) – Quidde der am wenigsten bekannte ist.

Holl hat alles aufgespürt, was sich noch in den Archiven des In- und Auslands finden lässt, darunter auch im Sonderarchiv in Moskau einen Teil von Quiddes Privatnachlass, den die Gestapo nach seiner Emigration 1933 in München konfisziert hatte und der mit anderen Akten des Reichssicherheitshauptamts 1945 in die Hände der Roten Armee gefallen war. Ebenfalls ausgewertet wurde der umfangreiche Briefwechsel zwischen Ludwig Quidde und seiner Frau Margarethe, der im Literaturarchiv der Münchner Stadtbibliothek verwahrt wird. Dadurch war es Holl möglich, die Geschichte dieser sehr schwierigen Ehe zu erzählen, an deren Ende der Aufschrei Margarethes stand: Sie verwünsche jenen Tag im Sommer 1880, an dem ihr Bruder sie mit dem jungen Historiker zusammengeführt hatte.

Unermüdlich warnte er vor den Folgen eines großen Krieges

Im Mittelpunkt steht freilich nicht das private Leben Quiddes, sondern sein Wirken als demokratischer und pazifistischer Politiker. Der 1858 geborenen Sohn eines Bremer Kaufmanns war von Kindheit an für die Ideale der Revolution von 1848 begeistert worden. Schon in den frühen 1880er Jahren schloss er sich der liberal-demokratischen Deutschen Volkspartei an, sammelte erste praktische Erfahrungen als Kommunalpolitiker in München und wurde 1907 in den Bayerischen Landtag gewählt.

Nach 1918 wurde er Mitglied der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP), die er 1919/20 in der Weimarer Nationalversammlung vertrat. Holl schildert Quiddes Wirken als Parteipolitiker vor dem Hintergrund der wechselvollen Geschichte der Weimarer Republik, in der die republiktreuen Kräfte immer mehr an Boden verloren. Auch in seiner eigenen Partei wurde Quiddes Stellung zusehends prekär, bis er Ende der zwanziger Jahre an den Rand und schließlich ganz herausgedrängt wurde.

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Die Hauptaktivität Quiddes galt jedoch der Deutschen Friedens-Gesellschaft (DFG), der er bald nach ihrer Gründung Ende 1892 beigetreten war und für die er rastlos tätig blieb. Ermöglicht wurde ihm das Engagement durch das stattliche Vermögen, das er von seinem Vater geerbt hatte und das ihm und seiner Frau finanzielle Unabhängigkeit bot, bis es in der Inflation von 1923 verloren ging. Quidde wurde bald zum wichtigsten Sprecher der deutschen Friedensbewegung, und er vertrat sie auf allen großen Weltfriedenskongressen vor 1914. Allerdings macht der Autor deutlich, wie gering die gesellschaftliche Akzeptanz der Pazifisten im Kaiserreich war, wie sehr ihre Wirkungsmöglichkeiten durch den hier vorherrschenden aggressiven Nationalismus und Militarismus eingeschränkt waren. Das galt erst recht für die Jahre des Ersten Weltkriegs, vor dessen katastrophalen Folgen Quidde und seine Freunde zu Recht immer wieder gewarnt hatten.

Holl begleitet den Aufstieg Quiddes an die Spitze der deutschen und internationalen Friedensbewegung mit viel Sympathie, doch ist er weit davon entfernt, alle seine Handlungen zu billigen. Im Gegenteil: Scharf wird zum Beispiel getadelt, dass der Vorsitzende der DFG es nach Beginn des Weltkriegs versäumte, die Verletzung der belgischen Neutralität durch deutsche Truppen zu verurteilen. Sein Ansehen unter den Pazifisten der Entente-Länder erlitt dadurch schweren Schaden.

Die Rechtspresse schmähte den Friedensnobelpreisträger

Ebenso kritisch beleuchtet der Autor die Haltung Quiddes zur Frage der Kriegsschuld und zum Versailler Vertrag von 1919. Der bekannteste Vertreter des deutschen Pazifismus stimmte mit der DDP-Fraktion gegen den Friedensvertrag, und zwar vor allem deshalb, weil er den Vorwurf der Alleinschuld Deutschlands am Weltkrieg nicht zu akzeptieren bereit war. Pazifistische Mitstreiter wie Friedrich Wilhelm Foerster oder Hellmut von Gerlach, die von der deutschen Kriegsschuld überzeugt waren, bezichtigte er des »Flagellantentums«. Quidde – so lautet das wenig schmeichelhafte Urteil – sei damit wie viele seiner Zeitgenossen einer »Wahrnehmungsblockade« erlegen, »die ihm Augen und Ohren verschloss vor dem Ausmaß an Leid und an materieller Verwüstung, das die deutsche Invasion und der Krieg in weiten Teilen Nordfrankreichs und Belgiens verursacht hatten«.

Andererseits zeigt Holl, wie intensiv sich gerade Quidde nach 1918 bemühte, die freundschaftlichen Kontakte zum westlichen Ausland neu zu knüpfen. Nachdrücklich setzte er sich für die deutsch-französische Aussöhnung und den Beitritt Deutschlands zum Völkerbund ein. Während er in der DFG von jüngeren, radikaleren Pazifisten immer heftiger wegen seines allzu moderaten Kurses angegriffen wurde, stieg sein internationales Ansehen. Die Verleihung des Friedensnobelpreises im Jahre 1927 war die verdiente Anerkennung für sein jahrzehntelanges selbstloses Wirken. Die Rechtspresse in Deutschland erging sich in Schmähungen. Joseph Goebbels, der Berliner Gauleiter der NSDAP, drohte in seiner Zeitung Der Angriff: »Im kommenden nationalsozialistischen Staat wird für ›Gelehrte‹ vom Schlage des Quidde kein Platz sein!«

Im März 1933, wenige Wochen nach der »Machtergreifung«, entzog sich Quidde der drohenden Verhaftung durch die Flucht ins Schweizer Exil, nach Genf, wo er bis zu seinem Tode 1941 lebte. Zeitweise wiegte er sich in der Hoffnung, nach Deutschland zurückkehren zu können. Darauf führt Holl auch die beschwichtigenden Erklärungen zurück, die der Emigrant über die angeblich friedfertigen Absichten Hitlers abgab und die im Kreis seiner Exilfreunde für erhebliche Irritationen sorgten. Dass Quidde indes von Anfang an von einem tiefen Abscheu gegen Hitler und den Nationalsozialismus erfüllt war, zeigt sein Manuskript aus dem Jahre 1933 Deutschlands Rückfall in die Barbarei, das Holl im Nachlass entdeckt hat.

Wie bei vielen Autoren, die sich jahrzehntelang mit einem Thema beschäftigen, kann auch der Bremer Historiker Wichtiges nicht immer von Unwichtigem unterscheiden. Die Darstellung hätte durch einen umsichtigen Lektor spürbar gestrafft werden können. So ist zum Beispiel die Schilderung der internen Querelen in der DFG in den zwanziger Jahren, die für Leser heute kaum noch nachvollziehbar sind, viel zu ausführlich geraten. Dennoch: Mit dieser Biografie ist Ludwig Quidde, dem großen deutschen Pazifisten, ein bleibendes Denkmal gesetzt worden.