Im Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 wurde Ostgalizien mit der Hauptstadt Lemberg den Russen überlassen und daher nach Kriegsbeginn von der Roten Armee besetzt. Sie zog sich beim deutschen Angriff im Juni 1941 zurück und hinterließ Berge von Leichen angeblicher polnischer Saboteure und ukrainischer "Krimineller". Für die Kommandeure der einrückenden deutschen Verbände willkommenes Demonstrationsmaterial zur antibolschewistischen Impfung ihrer "Bandenbekämpfer", als die die Männer der Einsatzgruppen galten. Die sowjetischen Gräuel sollten die Hemmschwelle senken bei der Verfolgung von "unerwünschten Elementen", in erster Linie Juden.

Eine halbe Million Menschen fiel den Rassenkriegern allein in Ostgalizien zum Opfer. Dieser Völkermord bildet auch den Rahmen für Dieter Schenks neues Buch über die Tötung von 25 Hochschullehrern und einer gleichen Anzahl ihrer Angehörigen in Lemberg. Die Einsatzgruppe z.b.V. (zur besonderen Verwendung) unter SS-Oberführer Eberhard Schöngarth hatte neben den sonstigen Vernichtungsaufgaben den Auftrag, die im deutsch besetzten Polen schon 1939 exekutierte "Intelligenz-Aktion" nun auch in Ostgalizien fortzusetzen. Ziel war die Auslöschung polnischer Eliten.

Die Mörder kamen am 3. Juli 1941 mit vorgefertigten Listen von Professoren, deren Namen und Adressen mit den Deutschen sympathisierende ukrainische Studenten geliefert hatten. Die Wissenschaftler wurden in den Wohnungen verhaftet, anwesende Angehörige gleich mit. Nach Verhören und Misshandlungen erschoss sie ein Trupp der Schöngarth-Bande im Morgengrauen des 4. Juli in einem nahen Hügelgelände. Die Leichen wurden in ein Massengrab geworfen; zwei Jahre später wurden sie vom Sonderkommando 1005 ausgegraben und verbrannt.

Schenks Rekonstruktion lässt den Leser nicht los, eben weil hier nicht Zahlen, sondern Personen die Hauptrollen spielen. Gegen etwaige Zweifel bietet er eine erdrückende Zahl von Dokumenten auf, die er vor Ort und bei polnischen und deutschen Ermittlungsbehörden zusammengetragen hat. Dabei ist er auf eine traurige Fortsetzung gestoßen: Die deutschen Juristen haben oft und zuweilen offenbar vorsätzlich gemauert. Vor allem die Staatsanwaltschaft Hamburg zeigte ein bitteres Maß an Nicht-wissen-Wollen.