Wer nicht mit aller Macht die Augen verschloss, konnte es sehen: "Wohin man auch geht in unserer Bundesrepublik, nie kann man sicher sein, dass der Mann hinterm Schreibtisch kein Massenmörder ist." Die meisten Deutschen fanden sich mit dieser Realität ab. Günther Schwarberg nicht. Sein Leben lang war der Journalist dieser Nachgeschichte des "Dritten Reiches" auf der Spur – und seine Reportagen haben unserem Erinnern an die Nazizeit Kontur gegeben, vor allem seine Dokumentation des Schicksals der ermordeten Kinder vom Bullenhuser Damm. Jetzt hat Schwarberg seine Erinnerungen aus einem Reporterleben vorgelegt, die zugleich eine ganz eigene Geschichte der Bonner Republik erzählen.

Seine Memoiren lässt Schwarberg mit dem Moment beginnen, als sich Hitler "in mein Leben eingemischt" hat, mit dem 30. Januar 1933. Günther Schwarberg ist sechs Jahre alt, und der Junge aus Bremen-Vegesack kommt in der Folgezeit um die Zwangssozialisierung des NS-Systems nicht herum: Als Schüler muss er sich im Handgranatenwerfen üben, als HJ-Junge Lieder von Tod und Ehre anstimmen – und dann als Flakhelfer im wahnhaften "Schicksalskampf" der untergehenden Diktatur sein Leben retten. 1945 – was für ein treffliches Bild über die Verfassung der damals jungen deutschen Männer – ist er "achtzehn Jahre alt und schon ein Veteran".

Beseelt vom "Glück, frei zu sein", wird Schwarberg Journalist, will das Land mitgestalten und verändern. Früh entscheidet er sich, in seinem Beruf stets auch Partei zu ergreifen. Er beruft sich auf Egon Erwin Kisch, den rasenden, bekanntermaßen zugleich urteilenden Reporter. Auch Schwarbergs Memoiren sind über weite Passagen im Stil klassischer Reportagen gehalten, etwa wenn er über den Winter 1947 berichtet, als Eis und Hochwasser die Weserbrücken zerstören – da knirscht und kracht es in der Tat wie einst beim alten Kisch. Fesselnd auch sein Bericht, wie er 1961 den flüchtigen Josef Mengele aufspürt, der nur knapp entkommt.

Schwarbergs Meinungsfreude prägt auch seinen Gang durch das politische Nachkriegsdeutschland. Konrad Adenauer kritisiert er für die Wiederbewaffnung (so unbekümmert wie dieser habe "selten ein deutscher Politiker die Unwahrheit gesagt"), Willy Brandt erklärt er angesichts seiner Reaktion auf den Ungarn-Aufstand von 1956 zum west-östlichen "Scharfmacher". Diese Beschreibungen sind keine politischen Analysen, sondern Dokumente einer linken Perspektive auf Entstehung und Etablierung der Bundesrepublik – und als solche von Interesse.

Besonders lesenswert ist das Buch immer dann, wenn Schwarberg die Nachgeschichte des "Dritten Reiches" aufgreift; wenn er – noch immer leidenschaftlich und wütend – die Verlogenheit und das fehlende Unrechtsbewusstsein der Mörder anprangert. Eindrucksvoll vor allem die Begegnung mit jener Geschichte, die sein Leben verändern sollte: die der Kinder vom Bullenhuser Damm. Im Keller dieser Hamburger Schule wurden in den letzten Kriegstagen zwanzig Kinder ermordet, die vorher barbarischen Experimenten unterzogen worden waren.

Schwarberg macht sich auf die Suche nach den Mördern, schreibt als Reporter des sterns über die unbehelligt gebliebenen Beteiligten und die Qualen ihrer Opfer. Gegen einen der Täter führt die Staatsanwaltschaft 1967 entlastend ins Feld, dass die Männer nicht besonders grausam gehandelt hätten, weil die Kinder vor dem Erhängen ja betäubt worden wären. "Ihnen ist also über die Vernichtung ihres Lebens hinaus kein weiteres Übel zugefügt worden" – ein grausiger Satz für die Geschichtsbücher.