Der Hamburger Hauptpastor Johan Melchior Goeze (1717 bis 1786) hat seinen schlechten Ruf weg – als reaktionärer Vertreter der lutherischen Orthodoxie: eine Knallcharge der protestantischen Kirchengeschichte, eine hässliche Nebenfigur an jenem Sockel, auf dem sich strahlend die Figur des Aufklärers Gotthold Ephraim Lessing erhebt. Das Lebensbild Goezes, das Ernst-Peter Wieckenberg mit überaus sorgfältiger und fairer Distanz zeichnet, legt es gewiss nicht darauf an, das Gefälle zwischen Goeze und Lessing umzukehren – ihr paradigmatischer Konflikt hatte sich an Lessings anonymer und fragmentarischer Veröffentlichung der Texte von Hermann Samuel Reimarus, am sogenannten Fragmentenstreit, entzündet. Aber in dieser Biografie wird das Gefälle doch relativiert, erhält Goeze erst einmal ein menschliches Gesicht. Zudem zeigt der Autor, dass man Goezes letztlich zum Scheitern verurteilten Versuch, die lutherische Orthodoxie des 17. und 18. Jahrhunderts zu retten, nicht unter Niveau kritisieren sollte, auch nicht unter dem Niveau von Goezes beachtlicher theologischer Kompetenz; und schon gar nicht aus der Überbewertung seiner Gegner, der Neologen. Diese damals durchaus populäre kirchliche Richtung stand für eine Art weich gespülter Theologie, die sich selber auf ein Tugendchristentum inklusive intensiver Empfindung reduzierte – ein, nach Goezes nicht ganz unberechtigten Worten, "mit einigen biblischen Ausdrücken geschminktes moralisches Heydenthum".

Wieckenberg zeigt, dass Lessing und Goeze in der Ablehnung der Neologen übereinstimmten, freilich nicht in den Gründen dieses Widerstandes. Für Lessing setzten sie an die "Stelle der doch immerhin eindrucksvollen Theologie der Orthodoxen nur Halbheiten und Kompromisse". Dass die beiden Kontrahenten sich dennoch heillos zerstritten und Lessing vor der Rezeptionsgeschichte als glatter Sieger dasteht, kann – so Wieckenberg – gewisse argumentative Schwächen Lessings nicht verdecken; es erweist sich darin aber auch die zunehmende aggressive Defensive eines sich in enge Einsamkeit verlierenden Lehrwächters, der durchaus einmal scharfsinnig und auf der Basis zeitbedingter kirchenpolitischer und staatsrechtlicher Legitimität angetreten war. Goezes eigentliche Tragik liegt demnach darin, dass er nicht erkannte: Das Evangelium mit seinem Ruf zur Freiheit lässt sich einfach nicht mit disziplinierendem, staatsgestütztem Dogmatismus verteidigen – schon gar nicht vor der eben einsetzenden frühbürgerlichen Öffentlichkeit.