Man muss das nicht schlimm finden. Dass es jenseits der spektakulären politischen Debatten und machtpolitischen Zuspitzungen ein stabiles Räderwerk der Institutionen, einen zähen Fluss der Arbeit an Gesetzen gibt, der medial kaum aufbereitet wird, ist eher ein beruhigendes Zeichen für die relative Selbstständigkeit der Politik gegenüber der Medienhektik. Viele Abgeordnete, die aus dem Regionalfernsehen permanente Parlamentsübertragungen kennen, wissen von paradoxen Effekten zu berichten. Das Fernsehen fördert nämlich weniger die Arbeit der Abgeordneten als das Herumsitzen im Plenum, das immer schön voll aussehen soll.

Norbert Lammert kritisiert zurecht die Dominanz der Talkshows für die Politikvermittlung. Selbstkritik und Veränderungen gerade in den Programmen der öffentlich-rechtlichen Sender wären notwendig. Die Talkshow Sabine Christiansen, sagte Friedrich Merz einmal, habe lange Zeit die "politische Agenda" mehr bestimmt als der Deutsche Bundestag. Was zweifelsohne ein vergiftetes Lob war. Tatsächlich hat die Dominanz der Talkshow als letztes Gemeinschaft stiftendes Politikprogramm auch in ARD und ZDF alle anderen journalistischen Formen marginalisiert. Es gibt eben keine beobachtende Kamera in Berlin direkt (ZDF), die Politikmagazine wurden in der ARD nicht nur gekürzt, sondern verloren auch an Bedeutung. Dokumentarfilme, ungewöhnliche Porträts auch des politischen Spitzenpersonals, erst recht dokumentarische Formen für zentrale innenpolitische Prozesse sucht man vergebens. Die Talkshows verengen die Debattenkultur und reduzieren die Themen: Innenpolitik schrumpft zur Sozialpolitik; Kultur und Bildung bleiben allenfalls als allgemeiner Bezugspunkt präsent; Pflegenotstand und Sterbehilfe gehen immer, "Zukunft der Arbeit" und Darfur nie. Talkshows sind strukturell national borniert. "Russland" ist allenfalls für die Experten im Presseclub ein Thema, aus dem die internationalen Beobachter aber auch längst verbannt worden sind. Und welcher Politiker würde sich heute noch einem "Kreuzverhör" unterziehen, wie es zu Hochzeiten der politischen Magazine als eines ihrer Elemente üblich war? Da ist es einfacher, sich bei Kerner von der menschlichen Seite zu zeigen.

Schon im Frühjahr 2006 lud das ZDF zu einer selbstkritischen Bilanz der politischen Fernsehberichterstattung. Die Große Koalition sei strukturell fernsehuntauglich, prognostizierte damals der bildschirmgewandte Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte, weswegen "wir als Zuschauer" bald "einen Formatwandel erleben" würden. Der Neuzeithistoriker Paul Nolte, auch er ein Liebling der Medien, sah als "einen durchlaufenden Faden" der damaligen journalistischen Diskussion sogar "die Suche nach der Gesellschaft", den "Ausbruch aus dem politisch-journalistischen Komplex", aus "der Berliner Selbstreferenz von Medien und Politik" an. Geworden ist daraus bis heute vor allem eine noch stärkere, bis in die Nachrichten hinein spürbare Besinnung auf die Servicefunktion des Fernsehens, die allerdings weitgehend als Dienst am Konsumenten verstanden wird. Und in den Talkshows ist als neue Leit- und Bezugsfigur aller Politik "der Betroffene" aufgetaucht.

Wer politics, also gesellschaftspolitische Grundfragen mit den spezifischen Mitteln des Fernsehens erörtert sehen will, muss weitab von der Tagespolitik nach Werken von Dokumentarfilmern wie Thomas Schadt (Amok in der Schule, Kanzlerbilder); Rita Knobel-Ulrich (Kleine Pendler, Ärzte im Dauerstress) oder Aelrun Goette (Die Kinder sind tot) Ausschau halten. Aber auch die policy, also die politisch-taktischen Prozesse bis hin zur Entscheidungsfindung, werden im Aktuellen zu wenig reportierend erforscht.

Selbst eine Liveübertragung aller Debatten würde nicht helfen

Viele Zuschauer, also Bürger und Wähler, nehmen das Berliner Treiben als Verwaltung von Sachen wahr, das gelegentlich durch persönliche Fehden etwas aufgemotzt wird. Norbert Lammerts Sorge, die Gleichgültigkeit gegenüber demokratischen Prozessen könne wachsen, ist daher durchaus begründet. Aber seine Vorschläge wirken seltsam beschränkt aufs Quantitative.

Selbst die Liveübertragung ausnahmslos aller Parlamentsdebatten würde am grundsätzlichen Befund nichts ändern. Auch dann nicht, wenn der Bundestag den im Internet ohnehin laufenden Web-TV-Bilderfluss noch als "Parlamentskanal" bundesweit in die digitale Kanalvielfalt einspeisen würde. Sinnvoll wäre es dagegen, mit ARD und ZDF über deren Auftrag zu debattieren. Auch Phoenix, der erste Ansprechpartner für die vielen parlamentarischen Stunden Programm, könnte mehr leisten. Es gab eine Zeit, da finanzierte Phoenix gezielt eigene Produktionen. Eine von ihnen befasste sich mit dem Kampf der Hauptstadtzeitungen, eine andere (Stephan Lamby/Klaus Radke: Das große Schauspiel) dokumentierte mosaikartig, was Politiker alles zu tun bereit sind, um in Talk- und Unterhaltungsshows als unheimlich locker zu gelten. Warum sollte die Arbeit von Abgeordneten nicht genauso gründlich untersucht werden? Weniger billiger Talk auch noch auf Phoenix, dafür mehr journalistische Formen und eigene Formate – das wäre ein Ansatz für größeren public value.

Der Autor war Leiter des Adolf-Grimme-Instituts für Fernsehkultur