So unglücklich sehen Sieger selten aus. Mit verschränkten Armen und grimmigem Blick warten etwa hundert Gewerkschafter von ver.di vor einer Messehalle in Hannover. Drinnen hat der CDU-Parteitag begonnen. 9,80 Euro steht auf den bunten Hemden der Demonstranten. Das ist der Mindestlohn, den ver.di für eine Arbeitsstunde von Briefträgern verlangt und dem die Union nach vielem Hin und Her in der vergangenen Woche zugestimmt hat. Obwohl, wie der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger wenig später vor den Delegierten klagt, "ein Unbehagen bleibt".

Ver.di hat gewonnen. Warum also diese Wut, die Trillerpfeifen und die bedruckten Oberteile? Die Männer und Frauen in den bunten Hemden wollen oder können das nicht erklären und bitten, den Pressesprecher zu fragen. Eine Antwort hat etwas später ver.di-Chef Frank Bsirske, der beim Parteitag als Gast in der ersten Reihe sitzt: "Der Erfolg beim Post-Mindestlohn zeigt, dass wir mit unserer Kampagne richtigliegen, deshalb werden wir sie intensiver fortsetzen als bisher." Nun geht es um Wachleute oder Zeitarbeiter (siehe Kasten).

Zumindest Bsirske sieht zufrieden aus.

Allerdings zeigt sich, dass die Einführung von Mindestlöhnen der Gesundheitsreform den Rang als kompliziertestes Vorhaben der Großen Koalition abläuft. Die Fronten verlaufen ähnlich wirr, das Ergebnis droht ähnlich bürokratisch zu werden. Kein Wunder, dass auch Gewerkschafter manchmal unsicher sind, was gerade als Fortschritt gilt.

Noch in dieser Woche wird das Parlament über die Post-Mindestlöhne befinden, kurz vor Weihnachten soll der Bundesrat zustimmen. Bis Ende März sammelt das Arbeitsministerium Vorschläge für weitere Branchen, danach wird geprüft, ob sich das sogenannte Entsendegesetz auf sie anwenden lässt. Das kann dauern. Die Gewerkschaften fürchten, dass das SPD-geführte Arbeitsministerium sich mit weiteren Branchenlösungen Zeit lässt, um dann im Wahljahr mit dem Thema zu punkten. Deshalb drängeln sie jetzt. Michael Sommer, Chef des Gewerkschaftsbundes, will den Druck "auf die Bundesländer konzentrieren, in denen gewählt wird": Hamburg, Niedersachsen und Hessen.

Dass der niedersächsische Ministerpräsident und Wahlkämpfer Christian Wulff am Wochenende noch schnell Mindestlöhne für weitere Branchen forderte, macht den Streit nur größer. So etwas verstehen Gewerkschaften und SPD momentan nicht als Zugeständnis, sondern als Einladung, über Lohnhöhen zu streiten – nicht nur mit den Arbeitgebern, sondern vor allem mit der Union. "Da kommen wir jetzt nicht mehr raus", sagt Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach. Was man Briefträgern zugestehe, könne man Wachleuten oder Gärtnern nicht verweigern: "Das ist wie mit einem Hemd, bei dem der oberste Knopf falsch geknöpft ist: Entweder man beginnt ganz von vorn, oder man muss falsch weitermachen. Und in einem Jahr setzt der Staat dann auch die Preise fest."

Bosbach wird der Reform gleichwohl zustimmen wie auch die meisten Wirtschaftspolitiker der Union. Das Projekt Mindestlohn gilt als verkorkst, aber nicht mehr aufzuhalten. Und weil niemand den Ministerpräsidenten im Wahlkampf in den Rücken fallen will, möchte der CDU-Wirtschaftsflügel nach den Wahlen ein neues Paket mit den Sozialdemokraten schnüren: "Weitere Mindestlöhne soll es dann nur geben, wenn wir den Druck für Arbeitgeber an anderer Stelle abbauen, zum Beispiel mit einer Lockerung des Kündigungsschutzes", sagt Kurt Lauk, Chef des Wirtschaftsrates der Union. Es sei ja richtig, dass es in 20 anderen europäischen Ländern Mindestlöhne gebe – aber eben oft auch ein anderes Arbeitsrecht. Der Plan, der SPD das abzuringen, gilt allerdings auch nicht gerade als aussichtsreich. Und als Wahlkampfhit eignet sich der Abbau des Kündigungsschutzes ebenfalls nicht. Auch Lauk sagt deshalb offen, ein niedriger flächendeckender gesetzlicher Mindestlohn, den linke wie rechte Ökonomen fordern, "wäre vermutlich der bessere Weg gewesen".