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Allerhand Schlechtes wurde über Florian Henckel von Donnersmarck gesagt, nachdem dieser einen Oscar bekommen hatte. Denn er war sogleich ein ziemlicher Spielverderber, da er nach seinem Erfolg mit einem wirkmächtigen deutschen Topos aufräumte: der Bescheidenheit. Er sagte in Interviews Sätze, die Kritik provozierten, da sie ein bisschen selbstherrlich klangen. Er begreife sich als "Held für sein Land" und sei erfolgreicher noch, als Klinsmann es gewesen sei. Dieser habe es schließlich nicht einmal ins Finale geschafft. Überhaupt: Schön sei es, im "Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen". Bescheidenheit? "Als Filmemacher muss man unbescheiden sein", sagt Donnersmarck, in Deutschland werde im Übrigen viel zu wenig Kult um Stars gemacht.

Ach, wie belebend diese Sätze klingen, wie unverhohlen ehrlich, nachdem die größte Zier für einen deutschen Star bislang seine Bescheidenheit war. Herbert Grönemeyer beispielsweise erzählt gerne, er werde beim Bäcker im Ruhrgebiet behandelt wie ein vertrauter Kumpel. "Das ist unser Herbert", sagten die Leute zu ihm. Das sei schön.

Bescheidenheit gilt als Zeichen der Volksnähe, der Bodenhaftung und Besonnenheit. Wer bescheiden wirkt, befolgt eine uralte Inszenierungspraxis, die in all ihrer Niedertracht bereits der französische Moralist François de La Rochefoucauld im 17. Jahrhundert am Hofleben beobachtete. "Bescheidenheit", sagt er, "ist eine Tugend, die man vor allem an anderen schätzt." Man inszeniert sie gerne, denn man weiß, dass sie gut ankommt, insgeheim ist man naturgemäß ungeheuer eitel. Wie so viele Tugenden ist Bescheidenheit nur ein "verkleidetes Laster".

Dann doch lieber unverstellter Hochmut! Donnersmarck hat einen Film gedreht, der ausgesprochen sehenswert ist. Er heißt Das Leben der Anderen. Dafür wurde er geehrt. Man muss das hier erwähnen, damit nicht alle denken, es gehe immer nur um raffinierte Selbstdarstellung.
Adam Soboczynski