Man hofft ja, wenn man so zurückblickt auf ein Jahr, dass man irgendwas im Leben wirklich begriffen hat. Gab es bei Ihnen da was?

Hoss: Ich glaube schon. Das hat mit einem Buch zu tun, Wandlungen von Liv Ullmann. Ich habe mir das Buch schon während der Schauspielschule gekauft, es aber jetzt zum ersten Mal gelesen.

Liv Ullmann ist eine der ganz großen Schauspielerinnen. Sie hat viel mit Ingmar Bergman gearbeitet, war mit ihm auch mal verheiratet.

Liv Ullmann schreibt, ein grundsätzliches Phänomen der Schauspielerei sei es, dass man nicht lange Schmerzen, die man im Privatleben hat, verbergen oder zurückhalten kann. Mit allem, was in deinem Privatleben passiert, musst du einen Umgang finden. Man muss sich fortwährend auseinandernehmen, was zur Folge hat, dass Wunden keine lange Lebensdauer haben. Dadurch wirst du durchlässig genug für deine Figuren, die du spielst.

Und genau das, diese ständige "Selbst-Therapie", die man mit sich anstellen muss, ist das Faszinierende. Genau aus diesem Grund sind übrigens ältere Schauspieler oft so sensationell. Sie haben schon so viel erlebt und wissen um viele Dinge, die man sich als junger Schauspieler oft mühsam heranschaffen muss.

Sie haben in diesem Jahr am Deutschen Theater in Berlin oft die Medea gespielt, eine große, tragische Frau und Göttin, die im tiefen Schmerz ihre Kinder und sich selbst tötet. Wie funktioniert das, sich durchlässig zu machen für diese Figur?

Das ist ein Prozess. Wie komme ich an eine Figur ran, die einem manchmal sehr nahe ist und dann wieder sehr fern, weil sie ja so unglaublich radikal ist? Bei jeder Probe wollte ich ein bisschen näherkommen. Ich habe viel gelesen, über Medea, aber mir auch vieles angeguckt, was mit Schmerzen und entsetzlicher Verzweiflung zu tun hat. Bilder von Goya zum Beispiel, aber auch Aufnahmen des Kriegsfotografen Nachtwey. Ich habe sozusagen innere Bilder gesammelt und gesammelt.

Sie haben mal gesagt, Sie möchten auf der Bühne oder im Film auf keinen Fall ihre Figuren verraten. Was meinen Sie damit?

Zum Beispiel die Medea: Es besteht ein gewisses Risiko, wenn man eine Frau spielt, die von der ersten bis zur letzten Minute in eine tiefe Verzweiflung und Raserei gefallen ist. Ich würde sie verraten, wenn ich auf der Bühne nur so tun würde, als ob. Wenn ich mich vor der Anstrengung drücken würde. Verstehen Sie? Ich erwarte von mir selber, dass ich mich der Figur vollkommen zur Verfügung stelle. Ich verteidige sie.

Sie setzen sich enorm unter Druck. Wenn man so ein Jahr Revue passieren lässt, wie oft sterben Sie vor Lampenfieber?

Oft. (lacht) Aber ich habe da eine ganz gute Technik, das hatte ich schon in der Schule vor Prüfungen. Wenn ich manchmal schon drei Tage vor einer Premiere nervös werde, wenn Magen und Darm beginnen zu rumoren, fang ich an, mit mir zu reden: Es lohnt sich jetzt wirklich nicht, zwei Tage vorher bereits verrückt zu spielen, drei Stunden vorher reicht. Das funktioniert ziemlich gut.

Schön, dass Ihre Organe so gut auf Sie hören.

Ja, mein Körper ist gut erzogen.

Wenn Sie auf das ganze Jahr 2007 zurückblicken…

…was für ein Jahr! Ein unglaubliches Jahr.

Ging ja auch schon ziemlich sensationell los: Erst gewannen Sie mit dem Gertrud-Eysoldt-Ring einen der wichtigsten Theaterpreise des Landes, dann Anfang Februar gewannen Sie auf der Berlinale den Silbernen Bären als beste Schauspielerin für Ihre Rolle in "Yella".

Mein Silberner Bär steht an sehr prominenter Stelle in meiner Wohnung, und daneben liegt der Eysoldt-Ring, es gibt da so ein Berliner Zimmer mit einer Küche, da ist so ein Durchbruch, und dazwischen stehen sie. Jedesmal wenn ich daran vorbeigehe, freue ich mich. Der tanzende Bär ist auch wirklich sehr hübsch. Den soll ruhig jeder sehen.

Können Sie sich im Augenblick, wenn Sie einen solchen Preis bekommen, richtig freuen, oder kommt die Freude erst irgendwann später?

Bei der Berlinale konnte ich das, weil ich wirklich überhaupt nicht damit gerechnet habe. Sonst ist es bei mir oft so, dass ich kurz vor dem Einschlafen, wenn ich noch mal daran denke, am glücklichsten bin. Kurz sehr glücklich, und dann schlafe ich ein.

Das war also der Februar.

Im Februar war noch was: Da steckte ich schon mittendrin in den Proben zur Fledermaus am Deutschen Theater. Ich musste singen…