Noch mit 60 Jahren pilgert er, zweifacher Witwer, zu seiner Jugendliebe, fast Kinderliebe, einer Frau, für die er Romanzen schrieb, als er zwölf und sie achtzehn war. Diese Stella steht nun gerührt vor dem zerfurchten Mann, weiß gar nicht, wie ihr geschieht, und sagt: »Sie haben ein sehr bewegtes Leben hinter sich, Monsieur Berlioz.« Das weiß sie, denn unbekannt ist er wahrhaftig nicht, nach sechs Opern, dreißig Orchesterwerken, unzähligen Feuilletons und seinen Memoiren, denen er auch noch diese späte Begegnung anfügen wird – ein weiterer Versuch, seinem berstenden Leben einen Bogen einzukomponieren, ein weiterer Ausdruck der Liebes- und Leidenswut, die auch sein bis heute berühmtestes Werk prägt, die Symphonie Fantastique.

»Mein Leben ist ein Roman, der mich sehr interessiert«, schrieb er mal einem Freund. Zu so abgründiger Selbstdistanz wäre ein Richard Wagner nicht imstande gewesen, der ja auch romanreif lebte und davon erzählte, in den zweitbedeutendsten Musikermemoiren des 19. Jahrhunderts. Radikaler, moderner sind die des Hector Berlioz, komplett erst ein Jahr nach seinem Tod 1869 veröffentlicht. Sie umfassen ein glühendes, zerrissenes Leben, das den Komponisten durch ganz Europa bis nach Petersburg führt und immer wieder auf Paris zurückwirft, die geliebte, gehasste Stadt, in der noch der 60-Jährige für 118 Franc im Monat als Bibliothekar am Pariser Konservatorium arbeiten muss, da, wo er einst gegen den Willen der Eltern Musik studierte.

Bis zum Ende bleibt er unbehaust in seiner Zeit, und eben das prägt seinen Scharfblick, seine Offenheit, es macht ihn auch bissig. Berlioz ist Bekenner und Beobachter, Kämpfer und Spötter, ein Autor, der uns mitunter tiefer ins Zeitgeschehen blicken lässt als mancher Romancier. Freilich setzt er dabei vieles voraus, was sich uns nur in Fußnoten erschließt. Welcher Deutsche hätte ohne Weiteres die Hintergründe der 1830er Julirevolution parat? Wer weiß, wie eine Ophiklëide klingt? Und dass ein Bibliothekarsgehalt nur etwa 900 Euro entsprach? Die Anmerkungen in der Neuübersetzung der Memoiren geben dem Text eine Tiefenschärfe, die ihn spannender macht denn je.

Bislang lag das Werk in zwei deutschen Übersetzungen von 1903 und 1914 und deren Bearbeitungen vor. Erst jetzt ist es neu übersetzt worden – und vom Herausgeber gründlich kommentiert. Frank Heidlberger zeigt, wie sehr der Autobiograf dem Komponisten Berlioz ähnelt. Der nutzte sein Œuvre stets als Materialumschlagplatz, zitierte und variierte. Die Symphonie Fantastique, mit der der 30Jährige die Frau seines Lebens eroberte, beginnt mit einer Melodie, die der Zwölfjährige für seine erste Liebe ersann. So ist auch vieles im Buch verschränkt, in dem Autobiografie zum Kunstentwurf wird: Leben und Kunst bedingen einander nicht nur, sie sind identisch.

Die Memoiren wurden nicht von vorn nach hinten geschrieben, sondern komponiert. Berlioz setzte den Text aus verschiedenen Schichten zusammen, aus Reisebriefen etwa und Werkbeschreibungen, Altem und Neuem, er wählte Leitmotive und passte viele Daten unbekümmert der Erzählung an. Deren Tempo wechselt von epischer Breite bis zum rasanten Dialog. Inmitten einer Rückschau auf die Jugend im Alpenvorland bei Grenoble schneidet Berlioz in die Gegenwart, aus der er gerade schreibt: 1848, er ist vor dem Arbeiteraufstand nach London geflohen, findet er bei seiner Rückkehr ein desolates Paris: »Alle unsere Theater sind geschlossen, alle Künstler ruiniert…mittellose Pianisten spielen auf öffentlichen Plätzen Sonaten, Historienmaler fegen die Straßen…«

Dagmar Krehers Übersetzung liest sich gut, auch wenn sie nicht immer treffend ist. Wenn Berlioz die Wälder und die Liebe seiner Jugend verlässt, sollte aus dem knapp schmerzenden »quitter« nicht gerade ein winkendes »Lebewohl sagen« werden. Und »Feuerpausen« sind reichlich verknappt für »Momente der Stille zwischen den Salven«, besonders wenn Berlioz da hinein die Rufe der Schwalben komponiert, die über der Revolution kreisen. Die Politik beurteilt er, kaum verwunderlich, meist nach ihrem Nutzen für seine Musik. Ansonsten schwankt er zwischen Respekt vor Machthabern, geprägt vom Vater, dem Arzt, Patriarchen, Napoleonbewunderer, und der Begeisterung für jede Art von Aufbruch – besonders in den Naturwissenschaften.

Der byroneske Romantiker trifft in Berlioz auf den Fortschrittsmaniak, dem die Eisenbahnen viel zu langsam sind und der einen depressiven Schub mit einem Vakuumexperiment Gay-Lussacs vergleicht, bei dem mit Hilfe von Schwefelsäure Wasser zum Gefrieren gebracht wird. Überhaupt springt der Erzähler zwischen den Tonarten besonders weit, wenn dem Memoiren -Helden besonders elend ist. Sein Vorhaben, eine untreue Geliebte, deren intrigante Mutter und den Ehemann in spe zu erschießen, liest sich wie eine Groteske, drapiert mit den Kulissen einer Schaueroper, mit röchelndem Meer unter nächtlichen Felsen. Doch Briefe belegen: Tatsächlich plante Berlioz »die Tötung der beteiligten Personen«.