Wie ist dieses Buch nur aufgemacht! Ein Foto zweier faltig gefalteter Hände. Ein, nun ja, abgeschnittener Kopf einer Greisin. Der Titel: Warum ich meine demente Mutter belüge ! Wer will so ein Buch kaufen, womöglich verschenken? Es nicht zu tun wäre aber wirklich schade.

Denn der Text des niederländischen Essayisten Cyrille Offermans über miterlebte Demenz ist kraftvoll und lakonisch, Offermann will keineswegs auf die Tränendrüse drücken. Auf schnellen 124 Seiten erzählt er, wie seine Mutter "in das Gefängnis ihres eigenen Kopfes" gerät: das langsame Bemerken der Krankheit, die trotzig-verbitterten Reaktionen der 83-Jährigen, die Hilflosigkeit ihrer sechs erwachsenen Kinder, die nur allmählich zu einem Verhalten finden, das den Problemen gerecht wird. "Niemand konnte in ihren Kopf kriechen und fühlen, was sie fühlte. Niemand konnte, selbst nicht für nur einen Augenblick, das Dunkel ergründen, in dem sie sich bewegte, in dem sie ratlos nach Namen suchte für die Dinge, von denen sie auch nicht mehr wusste, was sie damit tun sollte", schreibt er.

Ist es Alzheimer? Der Autor vermeidet Diagnosen und Fachbegriffe, ihm geht es um gelebtes Leben, das völlig vom Weg abkommt. Wer als Angehöriger eines Gedächtniskranken das Buch liest, wird vieles Typische darin wiederfinden.

Die Ruhelosigkeit: "Hundertmal am Tag fragte sie, plötzlich vom Stuhl sich erhebend, ob sie heute schon die Pflanzen gewässert habe. Aber sicher, sagten wir dann, das habe sie, selbst die Kakteen stünden mittlerweile bis zu den Knien im Wasser."

Der Redefluss: "Wie es denn heute in der Schule gewesen sei, fragte sie meine Tochter immer wieder und zu ganz unsinnigen Zeiten. Dann rannte sie schon wieder in die Küche oder in die Waschküche. Und dann bekamen auch die Pflanzen wieder die ganze Breitseite ab. Nicht antworten, in der Hoffnung, sie zum Schweigen zu bringen, und sei es auch nur für eine halbe Minute, war ebenfalls sinnlos. Sie fragte, aber sie wusste nicht einmal, dass sie etwas fragte."

Die Wahrnehmungstrübung: "Die Zeitung – da ging nichts mehr. Ihre Augen seien so schwach geworden, klagte sie den lieben langen Tag, wir sollten doch auf jeden Fall noch einen Termin beim Augenarzt ausmachen. Die Wahrheit war, dass sie tatsächlich nicht mehr gut sah, aber vor allem begriff sie nicht mehr, was sie sah und las."