Mendelssohn war ein glücklicher Jude; ist er uns deshalb heute so fern?" Mit diesem Satz beendet Dominique Bourel sein Buch über einen Mann, den die Zeitgenossen meist nur "Moses" nannten. Ein seltsamer Schluss für ein Buch, das sich als "Biographie" ankündigt. Bourel hat auch eher eine chronologisch gegliederte Analyse von Mendelssohns Werken geschrieben, angereichert mit Kulturhistorie. Die Figur Mendelssohn, der Briefe oft mit Mausche mi-Dessau unterzeichnete, bleibt blass. Seine Arbeiten – "es schreibt bis jetzt niemand besser Deutsch, als dieser wahrhafte Künstler", so Rahel Levin Varnhagen – sind in Bourels Buch so nahe, als ob sie sich unmittelbar erschließen würden, wenn man sie nur in die Debatten der Zeitgenossen einbettet.

Ferne – Nähe. Die Annäherung an die historische Figur könnte die Texte so weit wegrücken, dass sie aufs Neue gelesen werden müssten. Wie die Mendelssohn-Biografen vor ihm beklagt Bourel, dass so wenige Dokumente überliefert seien. Doch hat sich ein umfangreicher Briefwechsel erhalten, der in der Jubiläumsausgabe vorliegt. Mit Hilfe eines Verfahrens, für das Beatrix Borchard die Formulierung "Lücken schreiben" gefunden hat, ließe sich entwerfen, was wir von Mendelssohns Leben wissen können und wo Lücken zu zeigen sind. Damit ist immer schon mitbedacht, dass jede Annäherung an eine historische Figur nur Bruchstücke zutage fördern kann, deren Anordnung erst zeigt Nähe und Ferne einer Epoche.

Am 28. Juli 1780 – eine knappe Dekade vor der Französischen Revolution – schreibt Mendelssohn, längst ein weit über Deutschland hinaus bekannter Autor, an den Benediktinermönch Peter Winkopp: "Allhier in diesem sogenannten duldsamen Lande lebe ich gleichwohl so eingeengt, durch wahre Intoleranz so von allen Seiten beschränkt, daß ich meinen Kindern zu Liebe mich den ganzen Tag in einer Seidenfabrik, – so wie Sie sich in einem Kloster – einsperren muß; und den Musen nicht so fleißig opfern darf, als ich es wünsche, weil es mein Prior nicht zugeben will. Ich ergehe mich zuweilen des Abends mit meiner Frau und meinen Kindern. Papa! fragt die Unschuld, was ruft uns jener Bursche dort nach? warum werfen sie mit Steinen hinter uns her? was haben wir ihnen getan? – Ja, lieber Papa, spricht ein anderes, sie verfolgen uns immer in den Straßen und schimpfen: Juden! Juden!"

Eine Straßenszene in Preußens aufgeklärter Hauptstadt. Die fragenden Blicke der Kinder werden vom Briefschreiber nicht erwidert; seine Frau, die kluge Fromet Gugenheim, bleibt Beobachterin. Offenbar ist: Die Lage ist schlimmer statt besser geworden. "Wahre Toleranz", dieses große Ideal der Aufklärung, hat den Schreiber so eingeengt, dass er drinnen und draußen keinen Raum findet. Anders als seine Korrespondenten, die Professoren, Pfarrer, Bibliothekare, Diplomaten sind, sperrt ihn die neue Zeit in eine Seidenfabrik. "Ich wollte mich blos darauf einschränken, des Tages seidene Zeuge verfertigen zu lassen, und in Nebenstunden der Philosophie einige Liebkosungen abzugewinnen", schreibt er 1779: "Es hat aber der Vorsehung gefallen, mich einen ganz anderen Weg zu führen. Ich verlohr die Fähigkeit zu meditiren, und mit ihr anfangs den größten Theil meiner Zufriedenheit. Nach einiger Zeit Untersuchung fand ich, daß der Ueberrest meiner Kräfte noch hinreichen könne, meinen Kindern und vielleicht einem ansehnlichen Theil meiner Nation einen guten Dienst zu zeigen, wenn ich ihnen eine bessere Uebersetzung und Erklärung der heiligen Bücher in die Hände gebe, als sie bisher gehabt. Dieses ist der erste Schritt zur Cultur, von welcher meine Nation leider! in einer solchen Entfernung gehalten wird, daß man an der Möglichkeit einer Verbesserung beynahe verzweifeln möchte."

Abschied also aus der Philosophie, in die sich Mendelssohn so leidenschaftlich verwickelt hatte. Stattdessen nun die Bibel. Zuerst die fünf Bücher Mose, dann die Psalmen. Übertragen ins Deutsche, gedruckt in hebräischen Buchstaben. Ein Projekt, adressiert an seine Kinder, auch an "meine Nation", die von einer ungenannten Macht im Zustand der Kulturlosigkeit gehalten wird. "Mendelssohn teilt nicht den Optimismus des Jahrhunderts, ja nicht einmal Lessings Idee einer Erziehung des Menschengeschlechts", schreibt Bourel. Mendelssohn – allein in seinem Jahrhundert. Dieses Resümee widerspricht der Anlage des Buches. Der vielstimmige Chor aus Büchern, Rezensionen, Briefen, den Bourel inszeniert, übertönt Mendelssohns "Schrei ins Leere". Bei Bourel sieht es so aus, als wandere er zusammen mit anderen durch seine Zeit, verwickelt in das, was später so vernebelnd ein "deutsch-jüdisches Gespräch" genannt wurde.

Wäre Mendelssohn nicht so zu lesen, dass das "beynah Verzweifelte" zu Gehör kommt? Dass auch der Mann, der da mit niedergeschlagenen Augen auf einer Berliner Straße steht, eine Stimme bekommt? In dieser Szene war neben den Kindern auch Fromet Mendelssohn anwesend. In Bourels Buch findet sie sich nicht einmal im Register; seine Aufklärung ist eine ohne Frauen. Dabei bedenkt Mendelssohn seine erste verstörende Begegnung mit der modernen Welt in den wunderbaren Briefen an seine Verlobte. Er weist immer wieder darauf hin, dass entscheidend am Projekt der Aufklärung "Cultur" sei: "Aufklärung geht bloß auf das Theoretische, auf Erkenntniß, auf Wegschaffung der Vorurtheile; Cultur hingegen auf Sitten, Geselligkeit, Künste, Thun und Lassen." Das Wissen um diese "Cultur" kommt oft auf Taubenfüßen daher: "Ich bin nur noch empfindsam gegen Liebe und Freundschaft", schreibt Mendelssohn am 13. Juli 1779 an August Hennings. Wer sich so zur Welt stellt, ändert "Sitten, Geselligkeit" und öffnet damit auch den Raum für eine andere Art von Wissen. Dieses Wissen immunisiert gegen die Illusionen, die dem Projekt der Aufklärung eingeschrieben waren.