Am 12. Dezember 1942 – die Schlacht um Stalingrad befindet sich auf ihrem Höhepunkt – notiert ein Beamter des Reichsjustizministeriums: »Das Luftfahrtministerium hat heute fernmündlich angekündigt, daß im Laufe der nächsten Woche 11 Todesurteile des Reichskriegsgerichts wegen Landesverrats zu erwarten seien. Der Führer werde voraussichtlich Erhängung anordnen, um deren sofortige Durchführung die Justizbehörden ersucht werden sollen.«

Darauf ist die Justiz nicht vorbereitet. Seit Mitte der dreißiger Jahre wird die Todesstrafe in Deutschland mit dem Fallbeil vollstreckt; jetzt soll der als besonders schmählich geltende Tod durch den Strang wieder eingeführt werden. Nachdem Justizminister Otto Thierack informiert worden ist, begeben sich drei Tage später hohe Justizbeamte in das Strafgefängnis Plötzensee, um den Ort zu inspizieren. »Unter der Decke des Richtraumes«, so lautet ihre spätere Anweisung, »wird ein Träger gespannt werden. An ihm werden verschiebbare Haken angebracht, die – je nach der Zahl der vorzunehmenden Erhängungen – auf die Länge des Trägers verteilt werden. Der Scharfrichter steht auf einem Stuhl hinter dem Träger. Er hat einen Strick, der an beiden Enden in eine Öse ausläuft. Er legt ihn als Schlinge dem ihm von seinen Gehilfen vorgeführten Verurteilten um den Hals. Die Gehilfen heben den Verurteilten etwas an. Sie lassen ihn los, sobald der Scharfrichter die freie Öse in den Haken des Trägers geschlagen hat.«

Am 14., 18. und am 19. Dezember 1942 fällt das Reichskriegsgericht die angekündigten Todesurteile. Am 21. Dezember befiehlt Hitler die Vollstreckung gegen fünf Angeklagte durch Erhängen, gegen sechs weitere Angeklagte durch das Fallbeil.

Wer aber waren diese Menschen, die der NS-Führung so verhasst waren? Die als Erste in Plötzensee diesen barbarischen Tod sterben mussten? Sie gehörten zu einer Berliner Widerstandsgruppierung aus allen Schichten der Bevölkerung: der bis heute legendenumwobenen Roten Kapelle.

Zusammengefunden hatten sich die ersten Kreise bereits zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft. Einer entstand um den Juristen und Wirtschaftswissenschaftler Arvid Harnack, der 1931 in Gießen mit einer Studie über die Arbeiterbewegung in den USA promoviert worden war. Verheiratet war er mit Mildred Fish, einer Germanistin; 1926 hatte er sie in den Vereinigten Staaten kennengelernt. Im Sommer 1932 begleitete er eine Delegation der von ihm mitbegründeten Gesellschaft zum Studium der sowjetrussischen Planwirtschaft in die Sowjetunion.

Um das Ehepaar Harnack entstand seit 1933 ein Freundeskreis, in dem politische und ökonomische Probleme diskutiert wurden. Zu diesem Kreis gehörten der frühere preußische Kultusminister Adolf Grimme, der aus Aachen stammende Schriftsteller Adam Kuckhoff und seine Frau Greta, der Schlosser Karl Behrens und der Berliner Fabrikant Leo Skrzypczynski. Seit 1935 arbeitete Harnack, der aus Tarnungsgründen der NSDAP beigetreten war, im Reichswirtschaftsministerium, zuletzt als Oberregierungsrat. Er wollte durch Schulungen sich und seine Freunde auf die Zeit nach dem Ende des »Dritten Reiches« vorbereiten in der Hoffnung, dann ein freiheitliches Deutschland mit aufbauen zu können.

Eine andere Gruppe entstand um den Journalisten Harro Schulze-Boysen, einen gebürtigen Kieler, der bis zur nationalsozialistischen Machtübernahme die überparteiliche Zeitschrift gegner verantwortet hatte. Im April 1933 war er von der SA festgenommen und schwer misshandelt worden. Nach einer Pilotenausbildung gelang es ihm, 1934 im Reichsluftfahrtministerium eine Stelle zu erhalten. Gemeinsam mit seiner Frau Libertas, einer Enkelin des Kaiserfreundes Philipp zu Eulenburg und Hertefeld, sammelte er einen Kreis junger Intellektueller und Künstler um sich, zu denen das Künstlerehepaar Kurt und Elisabeth Schumacher, die Schriftsteller Günther Weisenborn und Walter Küchenmeister, der Journalist John Graudenz, der Arzt John Rittmeister und dessen Kollegin Elfriede Paul gehörten.