Eine neue Studie im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz sorgt für Aufregung: Kleinkinder, die in der Nähe von Atomkraftwerken wohnen, sollen vermehrt an Blutkrebs erkranken. Doch inzwischen wird Kritik an der Studie laut. Die Methodik sei keinesfalls so einwandfrei, wie von den wissenschaftlichen Autoren behauptet.

DIE ZEIT: Beruht die neue Leukämiestudie auf sauberer Statistik?

Hans-Peter Beck-Bornholdt: Die Statistik, die von den Autoren angewandt wurde, ist sicherlich in Ordnung. Mich stört die Methodik. Um das an einem Beispiel zu verdeutlichen: Ich bin auf einer Party, da sind fünf Kannen, und ich möchte wissen, ob Teewasser drin ist oder Kaffee. Dann gieße ich doch als vernünftiger Mensch etwas in eine leere Tasse und probiere das. Bei dieser Studie hat man eine Tasse genommen, die zu 70 Prozent mit Kaffee gefüllt war, hat etwas nachgegossen, probiert und dann gesagt: Aha, in der Kanne ist Kaffee. 70 Prozent der Fälle waren bereits bekannt und im Detail analysiert, als die vorliegende Studie konzipiert wurde. Der einzige Fortschritt gegenüber früher ist, dass man nun tatsächlich individuell den Abstand der Fälle zum Kernkraftwerk gemessen hat.

ZEIT: Das heißt, es hätte gar nichts anderes herauskommen können?

Beck-Bornholdt: Ich glaube nicht. Im Prinzip hat man gehandelt wie der "texanische Scharfschütze", von dem in der Statistik viel die Rede ist: Man hat auf ein Scheunentor geschossen und dann die Zielscheibe um die Einschusslöcher herum gezeichnet. In diesem Fall sind dann zwar noch jüngere Fälle in die Studie aufgenommen worden, aber die alten sind dringeblieben. Das ist so, wie wenn der Scharfschütze noch einen zusätzlichen Schuss auf die durchlöcherte Scheibe abgibt und dann sagt: Eigentlich habe ich ganz gut getroffen!

ZEIT: Wird denn hier mit der Statistik getrickst?

Beck-Bornholdt: Nein, die Autoren sagen ganz deutlich, was die Beschränkungen ihrer Arbeit sind. Das wird nur in den Medien nicht unbedingt berücksichtigt. Aus statistischer Sicht problematisch finde ich lediglich, dass mit einer einseitigen Fragestellung gearbeitet wurde, das heißt, man schließt von vorneherein aus, dass es auch einen umgekehrten Zusammenhang geben könnte, dass also weniger Leukämiefälle auftreten, wenn man näher am Kernkraftwerk wohnt. Auf diese Weise bekommt man eher statistisch signifikante Ergebnisse. In jedem Statistikbuch wird davor gewarnt, ohne ganz klare Begründung von einer einseitigen Fragestellung auszugehen.