Eben hat sie vom Weltuntergang gesprochen, die Worte klingen noch nach in der hohen Lobby, Stürme, Überschwemmungen, Hitzewellen. Jetzt tritt die Kanzlerin einen Schritt zurück vom Pult. In Dutzenden Reden warnte sie dieses Jahr vor dem Klimawandel. Hier, im Paul-Löbe-Haus, eine Woche vor Bali, sagt sie zu Gästen einer CDU-Klimatagung: "Irgendwo auf der Welt muss man anfangen!"

Sie meint Berlin. Berlin soll auf Bali Vorbild sein. Denn Deutschland will bis 2020 40 Prozent weniger Kohlendioxid ausstoßen. Innerhalb der EU lautet die Vorgabe: Reduktion um 30 Prozent. Auch das wurde unter Angela Merkels Präsidentschaft beschlossen. 40 und 30, diese Zahlen sollen die Erde retten. Zahlen, die sich die Kanzlerin nicht aus dem Ärmel geschüttelt hat. Wer weniger ausstoßen sollte und wie, das haben Beamte ausgehandelt: Franzjosef Schafhausen ist zuständig für das deutsche Ziel, 40 Prozent, Karsten Sach für das EU-Ziel, 30 Prozent. Sie haben die Vorgaben in Berlin ausgebrütet, und auf Bali werben sie nun im Gewusel der 10000 Delegierten für diese Ziele.

Berlin, Umweltministerium, ein paar Tage vor Bali. Das Ministerium befindet sich in einem sanierten Plattenbau am Alexanderplatz. Die Empfangsdame sucht im Telefonverzeichnis nach Karsten Sach. Er ist Leiter der Unterabteilung Internationale Zusammenarbeit, Chefunterhändler und Klimaschutzberater des Kanzleramts. "Da", sagt die Empfangsdame, "jetze hab ick ihn jefunden."

Karsten Sach, 48, ist ein hochgewachsener, breitschultriger Mann. Er stammt aus einem schleswig-holsteinischen Dorf mit 150 Einwohnern. "Das Internationale ist eigentlich nicht so meins", kommentiert er trocken dieses Arbeitsjahr, in dem die Klimakanzlerin EU-Ratspräsidentin und G8-Gipfel-Gastgeberin war. Es war Merkels Wunsch, gemeinsame Klimaschutz-Eckpunkte für die EU zu erarbeiten, die beim G8-Gipfel und dann auf Bali präsentiert werden können. Sach musste vorverhandeln, für den Umweltminister Sigmar Gabriel und die Kanzlerin. In Berlin, in Brüssel, in Amerika. Und er musste tüfteln. Hier an seinem schwarzen Konferenztisch, der beinahe das ganze 15 Quadratmeter große Büro ausfüllt, hat er mit seinen Kollegen die EU-Eckpunkte zum weltweiten Klimaschutz entwickelt: unter anderem 30 Prozent Reduktion beim Ausstoß von Kohlendioxid und 20 Prozent erneuerbare Energien bis 2020. Die Vorschläge gingen zur Abstimmung in andere Ministerien, ins Kanzleramt, nach Brüssel. Er liebt diesen Job, aber "was nervt, ist, manche Argumente fünfzig Mal wiederholen zu müssen!" Zum Beispiel, dass man CO₂ reduzieren kann und gleichzeitig die Wirtschaft voranbringen.

Vor Bali habe ein Termin den anderen gejagt, Gespräche mit Umweltdelegierten aus China, Indien, Brasilien, Ägypten. "Um nur ein paar zu nennen. Auf Ministerebene, aber auch auf meiner." Sach hörte sich deren Vorstellungen an, um dann, möglichst unaufdringlich, die deutsche Strategie zu loben. Gerade noch war Karsten Sach in Kalifornien, dort hat er mit den Umweltdelegierten von ökologisch progressiven US-Staaten verhandelt. Dass Hillary Clinton jetzt schon Wahlkampf mit dem Klimaschutz macht, stimmt ihn positiv. Wichtige Ergebnisse seiner Gespräche berichtet er ans Kanzleramt. "Es ist alles noch nicht umgesetzt, aber das ist ein deutliches Zeichen, wie sehr sich weltweit das Denken ändert!" Mit einem schmalen Leitz-Ordner ist er nach Bali geflogen, das Wichtigste hat er ohnehin im Kopf: die Zahl 30.

Zehn Minuten dunkle Flurwege von Karsten Sachs Büro entfernt sitzt der "Wadenbeißer", wie sich Franzjosef Schafhausen selbst nennt. Er arbeitet im Umweltministerium seit dem Tag seiner Gründung. Er hat viel mit der Energiewirtschaft und insofern auch mit den Kollegen aus dem Wirtschaftsministerium zu tun – und die nennt er die "geborene Gegnerschaft" mit rheinisch lang gezogenem o. Auch wenn es längst "keine Fundamentalopposition mehr gibt", wie noch vor ein paar Jahren. Seine Haare wippen, wenn er lacht. Schafhausen ist Koordinator für die deutsche Klimaschutzpolitik, für die 40 Prozent, um die Deutschland seinen Kohlendioxidausstoß verringern will. Für die entsprechenden Maßnahmen wird er auf Bali "auf endlos vielen Bühnen werben". Seine Unterabteilung beschäftigt sich mit der konkreten Umsetzung effizienter Energiegewinnung und dem Emissionshandel. Daher auch sein Spitzname "Wadenbeißer": Es gehöre zu seinen Aufgaben, das Energiereferat des Wirtschaftsministeriums zu "nerven". Aber es sei alles schon viel besser geworden. Vor ihm liegt eine McKinsey-Studie zur Vermeidung der Treibhausgas-emission – in Auftrag gegeben vom Bundesverband der Deutschen Industrie. Schafhausen klopft mit seinem Zeigefinger auf die Studie. "Ich kann für meine Ziele den Gegner zitieren!" Er lädt Energieunternehmensvertreter in sein Büro ein, redet mit ihnen über Abbau von Kohlendioxidausstoß, er referiert bei politischen Stiftungen über nationale und internationale Klimaschutzprojekte. Schafhausen arbeitet eng mit Karsten Sach und den Kollegen der Referate für erneuerbare Energien zusammen. Wenn Karsten Sach für das Kanzleramt in diesen Bali-Tagen nicht zu erreichen ist, dann wird Franzjosef Schafhausen konsultiert. Er kennt die Kanzlerin seit den achtziger Jahren, aus dem Umweltministerium.