Das sagt doch alles«, sagt Rolf Lindner und deutet auf den Boden. In den Ritzen zwischen den kleinen Pflastersteinen quetschen sich Kippenreste. Von Weitem sieht es so aus, als wären die Fugen nikotingelb. »Wo die Leute weniger Geld haben, wurde schon immer viel geschmökt. In Mitte sehen Sie so etwas nicht mehr.« Lindner flaniert über die Einkaufsmeile Karl-Marx-Straße in Berlin-Neukölln, einem Stadtteil, in dem 163 verschiedene Ethnien leben. Es geht vorbei an City Licht 2000, Kräuter Kühne, Schnäppchenprinz, Diva Style und der Konditorei Reichert, die passend zur Fünfziger-Jahre-Aura Ragout fin und Toast Hawaii anbietet. Vorbei auch an dem Surren einer Tätowiermaschine und schepperndem HipHop, an Autoabgasen und dem Bratfettdunst eines China-Imbiss. »Diese Woolworth-Ästhetik mit ihren billigen Reizen ist einzigartig«, sagt Lindner. Er ist Soziologe und Stadtforscher. Die Karl-Marx-Straße ist seine Lieblingsstraße in Berlin.

Genauer gesagt, eine von dreien, momentan zumindest. Und auch die beiden anderen dürften vielen Nichtberlinern nichts sagen: die Adalbertstraße in Kreuzberg und die Ackerstraße, die sich von Mitte in den Wedding zieht und in einer Sackgasse endet. Eins verbindet alle: Prachtalleen sind sie nicht.

Jetzt widmen sich drei zusammengehörende Ausstellungen diesen Straßen. Unter der Überschrift Sensing the Street präsentieren die jeweiligen Bezirksmuseen die Essenz jener drei: in Fundstücken, über Lautsprecher, als Videosequenz oder in Form von überdimensionierten Daumenkinos, die die Straßen in ihrer ganzen langen Schönheit zeigen – alle drei Schritte ein Bild.

Das Projekt geht auf die Initiative von Rolf Lindner zurück. Er war es leid, dass Berlin meist mit Prachtstraßen wie Unter den Linden oder dem Kurfürstendamm assoziiert wird. »Straßen, die in jedem Reiseführer stehen, sind nicht typisch für eine Stadt«, sagt der Professor am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität. Er wollte Berlin anhand charakteristischer Ecken erforschen. Seit Frühjahr 2006 sammelten rund 20 Jungethnologen gemeinsam mit Klang- und anderen Künstlern der Universität der Künste Spuren der ausgewählten Straßen und der Menschen, die sich dort bewegen.

So sammelten die Nachwuchsforscher Flakons von Billigparfums in der Karl-Marx-Straße und Vogelzwitschern vom hinteren Teil der Adalbertstraße. Im Mitte Museum stecken die Fundstücke in Einweckgläsern: Babyschuhe mit Winnie-Puh-Motiv, ein paar Gläser weiter drei Patronenhülsen von einem der Spielplätze. Nur die bezeichnendsten Fundstücke hätten es in die Ausstellung geschafft, sagt Maria Hiebsch, die Sprecherin der Ackerstraßen-Gruppe. »Manches stank so sehr, dass wir es nur in verschlossenen Plastikbeuteln mit zu unseren wöchentlichen Besprechungen bringen konnten.« Bei Lindner heißt so etwas vornehmer »sinnliche Ethnologie«.

Schon die Geräuschaufnahmen sprechen für sich: viel Verkehr auf der Neuköllner Einkaufsmeile – »ein Macho-Klang«, kommentiert Lindner. Anders in Mitte: »In der Ackerstraße wird vor allem geparkt«, sagt Maria Hiebsch. Hier zeugen die Soundschnipsel von einem buddhistischen Tempel, einer katholischen Messe, einem Altenheim. »Riecht wie anjebrannte Erbsensuppe«, brummt einer der Ackerstraßen-Bewohner auf den Tonaufnahmen, »nach Linden« und »Blumen«, finden andere. Eine Zone der Beschaulichkeit.

Dass Neukölln auf der Prioritätenliste der Berliner Stadtreinigung nicht ganz oben steht, ist offensichtlich. Wer wie Lindner auf der Karl-Marx-Straße den Blick zu Boden richtet, sieht zum Beispiel einen Taubenkadaver, glitzerpink Snackverpackungen und pralle schwarze Müllsäcke, achtlos an einen Pfosten gelehnt. »Es ist der bunteste Boulevard Berlins«, sagt Lindner.