Marx und Goethe

Was halten die Chinesen von Deutschland? Rong Fan hat es untersucht. Ein Kurzinterview

DIE ZEIT: Sie untersuchen für Ihre Doktorarbeit das Deutschlandbild der Chinesen. Was wissen Ihre Landsleute über uns?

Rong Fan: Der bekannteste Deutsche ist Hitler, das liegt daran, dass die chinesische Presse intensiv über die Vergangenheitsbewältigung der Deutschen berichtet hat.

DIE ZEIT: Wer folgt auf den weiteren Rängen?

Rong Fan: Angela Merkel, die als "eiserne Lady" bezeichnet wird, Michael Schumacher und Karl Marx. Sehr bekannt sind auch Goethe, Schiller oder Hegel.

DIE ZEIT: Das Land der Dichter und Denker…

Rong Fan: …und der klassischen Musik. Es ist insgesamt ein idyllisches Bild von Deutschland, gezeichnet von den staatlichen Medien. Konfliktträchtiges wie den Empfang des Dalai Lama blenden sie aus. "Chinesen wegen Besuch des Dalai Lama verärgert", hieß es in einem deutschen Onlinemedium. Empört war jedoch nur die chinesische Regierung – nicht das chinesische Volk, das von dem Besuch gar nichts wissen konnte.

DIE ZEIT: Was schätzen die Chinesen an Deutschland?

Marx und Goethe

Rong Fan: Vor allem die deutschen Produkte, die für Qualität stehen. Sie sind zwar teuer, aber oft erste Wahl, wenn man sie sich leisten kann.

DIE ZEIT: Was gefällt den Chinesen weniger?

Rong Fan: Sie kritisieren, die Deutschen seien wenig flexibel – gemeint ist wohl ihre "Ordnungsliebe". Außerdem mögen die Chinesen nicht, dass Deutsche Probleme oft unverblümt ansprechen. In China schätzt man eine harmonische Kommunikation, Differenzen werden eher indirekt ausgedrückt.

DIE ZEIT: Wie sehen Sie das Chinabild der Deutschen?

Rong Fan: Die deutsche Presse zeichnet im Moment ein überwiegend negatives Bild; im Vordergrund stehen Produktfälschungen, Menschenrechtsverletzungen oder die Darstellung Chinas als Rohstoffplünderer in Afrika. Über die Vielfalt der chinesischen Gesellschaft und Kultur wird kaum berichtet.

Interview: Marc Hasse