Allerdings bewerten die wenigsten Abiturienten die Hochschulstandorte nach ihrem Studienangebot, für die meisten ist die geringe Entfernung nach Hause wichtiger: Bei der Frage, was für eine Hochschulregion spricht, nennen die Studienanfänger an erster Stelle (47 Prozent) die "Heimatnähe". "Die meisten Abiturienten bleiben in ihrer Heimatregion", sagt Heine. Die Forscher des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh sind zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen. "Häufig hört die Attraktivität einer Hochschule direkt an der Landesgrenze auf", sagt Thimo von Stuckrad. "Die mentalen Schwellen verlaufen nicht nur zwischen Ost und West, sondern von Bundesland zu Bundesland."

Für die ambitionierten Ostpläne der Wissenschaftsminister ergeben sich damit gleich zwei Herausforderungen: Die Studienanfänger aus dem Westen müssen nicht nur überzeugt werden, dass die Hochschulen in den neuen Ländern eine Reise wert sind, zuvor müssen die Abiturienten dazu bewegt werden, überhaupt auf Reisen zu gehen. Sonst könnte es zu ebenjener Situation kommen, vor der Sachsen Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) schon vor Monaten gewarnt hatte: dass am Ende die neuen Bundesländer auf jenen Studenten sitzen bleiben, die im Westen keinen Studienplatz mehr bekommen hätten.

Eine Gefahr, die auch Christoph Heine vom Hochschul-Informations-System angesichts des offensichtlichen Image-Problems der Osthochschulen für real hält. Eine "umfassende Image-Kampagne" für den Hochschulstandort neue Länder werde den nötigen Erkenntnisgewinn bei den Abiturienten bewirken, dass es im Osten attraktive Hochschulen mit hervorragenden Studienbedingungen gebe, verspricht hingegen Annette Schavan – "und wenn wir es gleichzeitig schaffen, die ZVS zu einer Service-Einrichtung für wanderungswillige Studienanfänger umzubauen, wird das auch die Mobilität insgesamt erhöhen."

Walther Zimmerli ist seit Mitte des Jahres Präsident der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) in Cottbus. Der Philosophie-Professor, der zuvor unter anderem die private Universität Witten-Herdecke geleitet hat, glaubt nur unter einer weiteren Bedingung an den von der Politik verordneten Image-Gewinn: "Eine solche Kampagne kann dann unterstützende Wirkung haben, wenn eine Hochschule selbst hinreichend profiliert ist. Genau daran arbeiten wir." Zimmerli vermutet zudem, dass nur Teile der prophezeiten Studentenströme aus den alten Bundesländern auch in Cottbus ankommen werden. "Wir schauen stattdessen in Richtung Ausland, vorwiegend nach Osten. Russland wird in Zukunft ein Schwerpunkt unserer Akquise sein."

Möglicherweise liegt der Zukunftsmarkt der ostdeutschen Hochschulen tatsächlich eher in Osteuropa, hier könnten sie ihre vermeintliche Abgeschiedenheit vom Westen in einen Standortvorteil ummünzen. Doch ganz gleich, welche Studentengruppe die Hochschulen in Zukunft umwerben wollten, sie müssten ihre jeweiligen Stärken herausarbeiten und gezielt kommunizieren, anstatt auf eine bundesweite Kampagne nach dem Motto "Go East" von oben zu vertrauen, betont Thimo von Stuckrad.

Die Hochschule Wismar etwa mache es vor: Sie wirbt in Regionalzügen, die aus Schleswig-Holstein nach Mecklenburg-Vorpommern fahren. "Indem man die räumliche Nähe aufzeigt, kann man auch die mentale Distanz ein Stückweit verringern."