Es sah nicht gut aus für die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, damals in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Die Schule war noch ein Gymnasium und hatte die oberen Jahrgänge an ein Oberstufenzentrum verloren. Zu wenige Kinder wurden angemeldet. Lehrer unterrichteten vor sich hin. Dann kam eine neue Schulleiterin. Enja Riegel versuchte mit einigen Lehrern einen Neuanfang. Weil im Haus Platz war, kamen sie auf die verwegene Idee, die Wände zwischen dem Flur und einigen Klassenzimmern einzureißen. Sie fragten nicht lange, ob das erlaubt ist. Sie fingen einfach an. So entstand ein neuartiger Raum, der Schülertreff.

Das war der Anfang einer pädagogischen Kettenreaktion. Aus Fluren wurden allmählich Zwischenräume. Heute sieht man dort Arbeitsgruppen, Projektarbeiten, Theaterproben oder einen Aufgabenparcours. In Pausen stehen Schüler zusammen, auch mit Lehrern. Diese Zwischenräume sind die Herzkammern der Schule geworden. Um sie herum wurden Reviere jeweils für einen Altersjahrgang mit vier Parallelklassen geschaffen. Auch die Lehrer haben dort für ihr Team einen eigenen Raum. Das Team regelt vieles selbst. Zum Beispiel wurde überlegt, ob Lehrer auch mal fachfremd unterrichten sollten, damit das Minikollegium von acht oder neun Lehrern mit seinem Stundenplan hinkommt. Dabei zeigte sich, dass Schüler vieles besser verstehen, wenn etwa ein Nichtmathematiker, der Interesse an dem Fach hat, in Kooperation mit einem Fachlehrer zuweilen die Formeln erklärt.

Die Lehrer fürchteten die Kritik ihrer Kollegen

Das Wändeeinreißen in Wiesbaden ist eine Urszene, von der jede der eigenwilligen Schulen berichten kann, die am Montag aus der Hand von Bundesbildungsministerin Annette Schavan den Deutschen Schulpreis erhielten. Die diesjährigen Preisträger sind neben der Helene-Lange-Schule, die im Zuge ihrer Erneuerung vom Gymnasium zur Gesamtschule konvertiert ist, zwei weitere Gesamtschulen, die staatliche Montessori-Oberschule in Potsdam und die Robert-Bosch-Schule in Hildesheim. Ebenfalls ausgezeichnet wurden das Schiller-Gymnasium in Marbach und die Carl-von-Linné-Schule, eine hervorragende Förderschule für Körperbehinderte in Berlin.

Aus den fünf Schulen wird die Robert-Bosch-Gesamtschule in Hildesheim besonders hervorgehoben und als Nummer eins mit 50.000 Euro belohnt. Die anderen vier Schulen werden in keine Rangfolge gebracht und erhalten 10.000 Euro. Beinahe wäre die Robert-Bosch-Schule aufgrund ihres Namens leer ausgegangen, denn man könnte ja auf falsche Gedanken kommen, weil der Preis unter anderem von der Robert Bosch Stiftung vergeben wird (Kasten). Aber die Namensgleichheit von Schule und Stiftung ist Zufall.

Auch die Lehrer der Robert-Bosch-Gesamtschule haben sich aus eigener Kraft aus einer Krise befreit. Die Kurve der Anmeldezahlen gleicht einer Fieberkurve. Von stolzen 450 Bewerbern Anfang der siebziger Jahre sank das Interesse der Eltern und Kinder in Hildesheim innerhalb von zehn Jahren auf 93 Bewerber. In diesem Jahr wollten wieder 359 Kinder auf einen der 180 Plätze.

Was ist passiert? Nach der Agonie der Reformruine Gesamtschule haben die Lehrer ihre Schule erneuert. Sie haben sich vom pädagogischen Einzelkämpfer verabschiedet und verbreiten mit ihrer Zusammenarbeit einen Schwung, der im Alltag des Unterrichts zu spüren ist.

85 der 103 Lehrer dieser Schule nehmen an sogenannten Hospitationsringen teil. Sie besuchen sich gegenseitig im Unterricht, kooperieren bei der Vorbereitung und genießen die Vorteile der Arbeitsteilung. Wie die Lehrer der Helene-Lange-Schule haben sie Jahrgangsteams gebildet. Jedes Team fährt in den Sommerferien drei Tage in Klausur und stellt seinen Jahresplan auf. Die Themen der Fächer werden so koordiniert, dass sie zusammenpassen, wenn möglich verschmelzen sie zeitweise zu Projekten. Das sind Zeiten größter Intensität. "Das alles", sagt Wilfried Kretschmer, der stolze Schulleiter, "geht nur, wenn die Teams es selbst machen." Denn eine gute Schule könne nun mal nicht von oben verordnet werden.

Aber die Leitung, so Kretschmer, müsse auch helfen, das Wichtige von allem anderen, was auch noch möglich wäre, zu unterscheiden. Im Laufe der zweiten, der selbst gemachten Reform dieser Gesamtschule, die in den neunziger Jahren begann, hatten sich zeitweilig 20 Baustellen mit den unterschiedlichsten Reformprojekten angesammelt. "Dann haben wir 15 Baustellen geschlossen", erinnert sich der Schulleiter. Ins Zentrum wurde die Zusammenarbeit der Lehrer gestellt. Wie sollen Schüler auch kooperieren, begeistert sein und lernen, wenn es ihnen die Lehrer nicht vormachen?

Aber Lehrer schreckten schon davor zurück, sich gegenseitig im Unterricht zu besuchen und sich dem kritischen Blick der Kollegen auszusetzen. "Man kann sich doch von anderen nur beobachten lassen, wenn man Vertrauen zu ihnen hat", sagt Kretschmer. Zu vertrauen haben Lehrer irgendwie nicht gelernt. Vertrauen zu schaffen wurde für den Schulleiter nun das Allerwichtigste. Er nimmt in Kauf, dass 18 der 103 Lehrer nicht mitmachen. "Das ist besser, als wenn sie nur so tun, als ob sie mitmachten."