Günter Netzer: Hansi, ich hab dich im Fernsehen gesehen, als Kommentator. Sehr gut hast du das gemacht!

ZEIT: Schauen Sie auch hin, Herr Krankl, was Günter Netzer im deutschen Fernsehen macht?

Hans Krankl: Da kann man doch nicht hinschauen… – nein, sensationell! Was er da mit seinem Sie-Freund oder Du-Freund Gerhard Delling macht, hebt sich von allem anderen ab, um Längen.

Erklären Sie, Herr Netzer, uns mal, was man braucht, um Fußballeuropameister zu werden.

Netzer: In erster Linie eine gute Mannschaft! (lacht) Gute Spieler und einen sehr guten Trainer. Ein funktionierendes Gebilde. So einfach ist das.

Krankl: Man braucht aber auch Glück. Das braucht man im Fußball eh.

Aber hat der amtierende Europameister Griechenland vor vier Jahren wirklich eine gute Mannschaft gehabt?

Lucien Favre: Die Griechen waren gar nicht so schlecht, die haben einige sehr gute Spieler. Und große Verteidiger hintendrin! Außerdem sind es bloß fünf Spiele, bis man Europameister ist.

Krankl: Die Griechenland-Geschichte ist ein bissl anders abgelaufen. Die hatten immer Zangler, technische Spieler. Diese früher teilweise undisziplinierten Spieler hat der Otto Rehhagel zu einer Gruppe von Haudegen und Technikern zusammengebaut, mit einem eigenen defensiven System. Die haben fast mit einem Libero gespielt. Respekt, Rehhagel ist ein sehr guter Trainer.

Netzer: Ich kenne ihn in- und auswendig, vor allem inwendig, weil ich lange Jahre gegen ihn gespielt habe. Das war lebensbedrohlich! Rehhagel war wirklich kein Filigrantechniker, sondern ein, wie man bei uns sagt: Schrotmeißel. Und er hat bis heute seinen Charakter nicht verändert. Die Leistung, die er mit den Griechen erbracht hat – in der Neuzeit der Fußballgeschichte gibt es nichts Vergleichbares. Und das wird sich auch nicht mehr wiederholen.

Dann gibt es für den krassen EM-Außenseiter Österreich keine Hoffnung mehr…

Krankl: Hoffen kann man immer. Ich bin leider nicht mehr Teamchef, man hat mir das weggenommen, darüber müssen wir gar nicht reden. Aber ich habe damals als Teamchef gesagt: Mein Ziel kann nur sein – Europameister. Wenn ich als Fußballer oder Trainer nicht träumen kann, werde ich nie etwas erreichen.

Netzer: Ich freue mich über Menschen, die sich ihre Träume erhalten. Ich mache das auch gern – bis ich an die Grenzen der Realität stoße. Ich bin in zwei eurer Spiele hineingeraten, gegen Japan und gegen Chile. Ich habe meinen Augen nicht getraut: Was ist mit dem österreichischen Fußball passiert? Im Spiel gegen Chile habt ihr nicht ein Mal aufs Tor geschossen! Ich dachte, das kann nur ins Desaster führen.

Darf man so schonungslos mit seinem Gastgeber umgehen?

Netzer: Ich nehme mir die Freiheit, immer die Wahrheit zu sagen. Es hat ja in Österreich selbst absurde Aktionen gegeben…

Die Bürgerinitiative "Rückgrat" hat den Rückzug der Mannschaft vom Turnier gefordert und dafür Unterschriften gesammelt.

Krankl: Ein sogenannter Spaß von drei Tiroler Burschen, der wirklich nicht lustig ist. Eine Gemeinheit. Wir sollen stolz sein, dass wir die Europameisterschaft zusammen mit der Schweiz bekommen haben.

Wird es ein österreichisches Desaster geben?

Krankl:Günter hat in einem schlechten Augenblick zugeschaut. So arg ist es nicht ganz, wie er es da gesehen hat. Ich habe angenommen, dass es nach mir besser wird. Schließlich hat ja der Präsident behauptet, wir seien auf einem guten Weg. Aber es fehlt uns einfach die Qualität. Wir spielen jetzt noch im Februar gegen Deutschland, der Bruderkampf. Und das ist gut. Im Spiel David gegen Goliath sind wir gefordert, nur da können wir uns verbessern. Und wenn wir dann verlieren – na Gott, im Selbstzerfleischen sind Österreicher und Deutsche immer groß gewesen.

Herr Netzer, waren für Sie die Spiele gegen Österreich was Besonderes?

Netzer: Ich habe ja wenige Länderspiele gemacht, 37 insgesamt, und mein erstes war gegen Österreich! 4:1 für uns, 1967 in Stuttgart. Dann noch mal in Wien, 2:0 gewonnen. War aber nichts Besonderes, jedenfalls nicht so wie für die Österreicher.

Krankl: Das ist erst etwas Besonderes seit Cordoba…

…dem Sieg der Österreicher über Deutschland bei der WM 1978, als Sie zwei Tore schossen.

Krankl: Ich war Tor des Monats in der ARD! Der Paul Breitner sagt über uns, wir seien im Moment so schlecht, weil wir noch immer die Helden von Cordoba glorifizierten. Aber der hat doch einen Schatten – was soll das damit zu tun haben?

Eigentlich sollte Günter Netzer erzählen, wie das war mit Cordoba. Wo waren Sie, als Hans Krankl Deutschland erledigte?

Netzer: Im Stadion! Ich konnte nicht glauben, was ich sah!