Der Portier im Amtssitz des Gouverneurs von Kerman verteilt Süßigkeiten. Imam Reza, achter Imam der Schiiten, der vor knapp 1200 Jahren gestorben ist und in der Pilgerstadt Maschad begraben liegt, hätte heute Geburtstag. Und so kriegt jeder, der zur Tür hereinkommt, Bonbons, Pralinen oder zuckriges Gebäck. Ausländer bekommen zusätzlich eine freudige Nachricht an den Kopf geworfen. "Unser Präsident ist der beste Präsident der Welt!", sagt der Portier sehr laut und ohne gefragt zu werden.

Man muss nicht glauben, dass er meint, was er sagt. Andererseits kann es durchaus sein, dass der Mann ein leidenschaftlicher Anhänger des radikalen Präsidenten Mahmud Ahmadineschad ist. Es ist sogar möglich, dass der Portier ihn verehrt, kurz danach verdammt und dann wieder hochleben lässt – welche Kulisse gerade aufgezogen wird, hängt vom Publikum ab. Was er wirklich denkt? Vielleicht weiß er das selbst nicht. Iran ist ein konfuses Land.

Die Konfusion kann jeden befallen, der sich in Iran auf die Suche macht. Den amerikanischen Geheimdiensten ist es so ergangen. 2005 behaupteten sie noch, es gebe ein aktives Atomwaffenprogramm. Jetzt schreiben sie, dieses Programm sei 2003 eingestellt worden. Die Ursache für diese Verwirrung mag in Washington liegen, vielleicht aber auch in Iran. Wie aber soll man das klären, wenn selbst einfachere Fragen schwer zu beantworten sind: Was ist von den Versprechen des Präsidenten zu halten, der vor mehr als zwei Jahren angetreten ist, um die armen Massen zu beglücken und sie am Reichtum des Landes teilhaben zu lassen? Seitdem hat er mitsamt seinem Kabinett alle 30 Provinzen besucht. In Kerman war er vor sechs Monaten.

"Er ist der beste Präsident der Welt!", ruft der Portier erneut aus, und es ist gut, sich an eine anthropologische Konstante zu erinnern, die auch in Iran gilt: Menschen wollen überleben, möglichst gut überleben, und in Iran kann ein falsches Wort das Leben sehr stark beeinträchtigen. Daher die Kulissenschieberei.

Ein Herr von der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit kommt in den Amtssitz des Gouverneurs. Ein junger Mann, der sich mit dem Worten vorstellt: "Natakhai, I speak English!" Er soll erläutern, was Präsident Ahmadineschad in dieser Provinz bei seinem Besuch alles versprochen hat und was davon umgesetzt wurde. Herr Natakhai hört zu, nickt und bittet seine Gäste in ein Büro, das grün und schmal ist wie eine iranische Bonbonschachtel. Dann verschwindet er. In der Zeit, in der er wegbleibt, könnte man ein ganzes Buch über die Erfolge des Präsidenten lesen. Schließlich kommt er zurück, auf einer Hand eine Schachtel mit süßem Gebäck balancierend, in der anderen Hand eine Nylontüte voller Bonbons haltend. Imam Reza hat nun einmal Geburtstag, da bleibt kein Mund in Kerman ungesüßt.

"Bitte hier, nehmen Sie! Nehmen Sie!"

Wozu braucht es eigentlich diesen Mann, wenn er doch nur Süßigkeiten verteilt? Das ist eine legitime Frage, aber Recherchen in Iran sind eine sehr eigenartige Sache. Noch seltsamer gestalten sie sich, wenn es in die Provinzen geht. Man kann nicht einfach drauflosfahren, es braucht eine Erlaubnis, ein Papier des Ministeriums. Wenn man das begehrte Papier einmal hat, wartet auf einen zunächst ein Mann wie Natakhai. "Kommen Sie! Ich bringe Sie in unser Büro zu unserem Chef!"

Es muss der wirkliche Chef sein, der Chef, der authentische Auskünfte geben kann. Iran ist ein Land mit vielen Ebenen. Glaubt man, den Mann getroffen zu haben, der einem etwas sagen könnte, macht er eine Tür auf, die zu einem Mann führt, von dem man annimmt, dass er einem Auskunft geben könnte, aber dieser Mann macht wieder nur eine Tür auf. So geht es weiter, immer tiefer hinein in die iranische Vielschichtigkeit.

Herr Natakhai fährt einen Paykan, ein iranisches Produkt. Er steuert ihn zielsicher über die breiten Straßen Kermans, ohne zu rasen, ohne zu hupen, ohne jeden Stress rollt er dahin, die Süßigkeiten auf der Rückbank und auf den Lippen immer dieses Lächeln, das nie abbricht, auch nicht, als der Paykan ein so tiefes Schlagloch erwischt, dass man zweifelt, ob er je wieder herausfinden wird.