Drei hochphilosophische Fragen klärt dieses Bilderbuch im Vorbeigehen: 1. Wie kann ich mir etwas wünschen, was ich nicht kenne? 2. Wie kann ich etwas erkennen, was ich noch nie gesehen habe? 3. Warum sind Winterschläfer so sympathisch? Und wie so häufig sind die Antworten umso klarer, je einfacher die Geschichte ist.

Herr Eichhorn im Wald erfährt es vom Bock: wie schön der Winter sei, wie weiß, wie die Schneeflocken alles bedeckten. Wovon er natürlich nichts mitbekomme, da er ja jeden Winter verschlafe. Nur wer weiß, dass es etwas anderes geben muss, der wünscht sich was. Also beschließt das Eichhorn, dieses Jahr wach zu bleiben und auf den Schnee zu warten. Aber der Winter lässt sich Zeit, das Eichhorn nickt ein, schreckt hoch, liegt flach, reißt sich zusammen, döst, rast den Baum rauf und runter, um wach zu bleiben (frische Luft!). Das weckt den Igel auf (auch er ein chronischer Schneeflockenverschlafer). Nun beschließen sie, gemeinsam wach zu bleiben, singen lauthals (in der frischen Luft!), was nicht nur die beiden munter macht, sondern auch den Bären, der den Schnee bisher nicht besonders vermisst hat, aber folgert: "Ohne Schneeflocke kein Winter, ohne Winter keine Ruhe."

Doch die Frage bleibt auch zu dritt: Woran erkenne ich den Schnee? Weiß, nass, kalt und weich soll er laut Auskunft Bock sein, und so machen sie sich auf den Weg. Eine weiße Zahnbürste findet der Igel, eine kalte Blechbüchse das Eichhorn, beides schwerstens schneeverdächtig, aber erst der Bär bringt mit seinem Fund stolz die Definition auf den Punkt: eine weiße, nasse, kalte, weiche Socke – die allererste Flocke. Beruhigt, aber doch dezent enttäuscht, betrachten sie die Flockensocke – Erkenntnis und Interesse –, ob sich dafür Wachbleiben lohnte? Doch dann – und von da an nur noch Doppelseiten – bleibt das Bilderbuch (und der Rezensent) sprachlos. Es ist einfach zu schön. Was eine Schneeflocke ist, muss man nicht wissen. Die drei haben es gespürt, sie wissen es, und jetzt dürfen sie sich beruhigt ihrem Winterschlaf hingeben.

Von Sebastian Meschenmosers hintergründigen kleinen Bilderbuchwerken ist Herr Eichhorn und der erste Schnee sicher das kinderfreundlichste (ein versteckter Scherz inklusive). Altmeisterlich zeichnet er seine Bücher im Strich und gewagter in der Form, lässt viel weißen Raum zum Schauen und bleibt doch farbstiftkoloriert anheimelnd in der Stimmung. Das bedeutet auch, es ist ein Buch für Kinder und Erwachsene, dem man viele weiße Weihnachten wünscht. Konrad Heidkamp