Es gibt Jugendsachbücher, die man Erwachsenen ans Herz legen möchte. Die Geschichte der Israelis und Palästinenser zählt dazu. Denn hier wird der Nahostkonflikt erklärt, ohne Hintergrundwissen vorauszusetzen. Und da zu diesem Thema jeder gerne eine Meinung hat, auch wenn er eigentlich überhaupt nichts davon versteht, füllt dieses Sachbuch eine Lücke.

Schön ist, dass die Betroffenen selbst zu Wort kommen. "Von klein auf sah ich Kriege", beschreibt etwa der 74-jährige Abraham Bar-Am sein israelisches Schicksal. "Ich selbst kämpfte im Unabhängigkeitskrieg, im Suez-Krieg und in vielen weiteren Einsätzen. Mein Sohn kämpfte, mein Enkel kämpfte. Er liegt verwundet im Krankenhaus. Und ich glaube, der Enkel meines Enkels wird auch kämpfen." Auf der anderen Seite erinnert die Palästinenserin Amelie Dschaqaman, 1922 in Bethlehem geboren, an die verworrene Geschichte ihres Volkes: "Meine Mutter kam während der osmanischen Besatzung auf die Welt. Ich wurde während der englischen Besatzung geboren, meine Kinder während der jordanischen, deren Kinder während der israelischen. Es gibt immer jemanden, der dieses Land will, aber nie jemanden, der uns will."

Die Zitate von Zeitzeugen erleichtern es dem Leser, sich mit den vielschichtigen Inhalten vertraut zu machen. Wie ein roter Faden ziehen sich Lebensgeschichten durch das Buch. Manche – israelische – beginnen mit der Befreiung aus dem Konzentrationslager, gefolgt vom Traum von einem eigenen Staat, in dem es sich ohne mörderischen Antisemitismus leben lässt. Andere – palästinensische – beginnen mit der Flucht während des ersten arabisch-israelischen Krieges von 1948 und den seither immer wieder enttäuschten Hoffnungen auf eine Lösung ihres Problems.

Wo es keine übereinstimmenden Angaben gibt, lassen die Autoren mehrere Antworten stehen. So ist man sich bis heute nicht einig über die wahre Stärke der Armeen, die sich in diesem Krieg gegenüberstanden. Eine israelische Version besagt: Die riesigen arabischen Armeen überfielen bestens ausgerüstet mit modernem Kriegsgerät Israel. Die Israelis waren weit in der Unterzahl und kaum bewaffnet, schlugen aber dennoch die Araber in einem heroischen Kampf in die Flucht. Die arabische Version hingegen erzählt vom geschlossenen und heldenhaften Angriff der arabischen Armeen, um ihre palästinensischen Brüder zu retten: Ihr Sieg war schon zum Greifen nahe, als den Israelis modernste Waffen aus dem Ausland zur Hilfe kamen. Gott sei Dank ist das Buch aber nicht so postmodern, dass es nicht versuchte, die Widersprüche wenigstens zu erklären. So werden verschiedene Kriegsphasen mit tatsächlich wechselnden Kräfteverhältnissen beschrieben.

Beide Seiten kommen auch zu Wort, wenn es um die heutigen Verhältnisse geht. Die Checkpoints etwa werden aus der Sicht der Palästinenser und der israelischen Soldaten beleuchtet. Ebenso wie die "Barriere", mit umstrittenem Verlauf, die aber dennoch ihrem Ziel gerecht wird, palästinensischen Terror einzudämmen. Es geht nicht um Noten für gutes oder schlechtes Betragen, sondern darum, einen fast hundert Jahre alten Konflikt aufzudröseln. Eher nebenbei wird dem Leser ein Grundwissen über das Judentum und den Islam vermittelt.

Für Außenseiter reduziert sich der Nahostkonflikt meist auf ein ungleiches Duo: die starken Israelis versus schwache Palästinenser. In Wirklichkeit aber sieht sich Israel, nicht größer als das Bundesland Hessen, der gesamten arabischen Welt gegenüber. Diesen größeren Kontext stellt das Buch her, an dessen Ende der Libanonkrieg vom Sommer 2006 beschrieben wird. Es erklärt die Dschihad-Bewegung ebenso wie den Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten. Dabei wird immer wieder klar, wie sehr die Sache der Palästinenser von ihren arabischen Brüdern für deren eigenen Zwecke benutzt wurde. Das Buch entstand, nachdem Martin Schäuble im Laufe seines Politikstudiums vergeblich nach verständlichen Werken zum Nahostkonflikt gesucht hatte. Eineinhalb Jahre lang recherchierte er und sprach mit den Menschen, deren Alltag vom Konflikt geprägt ist. Mit Rat und Tat stand ihm Noah Flug zur Seite, der Vorsitzende der Organisation der Holocaust-Überlebenden in Israel. Das Ergebnis ist gelungen, auch wenn der Anhang zu wünschen lässt. Denn dort findet sich viel Material aus palästinensischer Sicht, das ohne jegliche Selbstkritik auskommt, und viel Material aus israelischer Sicht, das eben genau dies mit Hingabe tut. Trotzdem sollte, wer sich gerade in diesen Tagen wieder einmal fragt, warum es so schwer ist, zu einem Frieden im Nahen Osten zu finden, unbedingt zu diesem Buch greifen. Jung und alt. (ab 10 Jahren)