Leitartikel, auch nicht ohne. Schwieriger aber schon ein Denkstück, ein Essay, eine Kritik, ein historischer Aufsatz. Noch schwieriger eine Reportage. Dann kommen die Glossen, Kolumnen, das ist schon ziemliche Kunst. Der Zeitungskünste höchste aber ist: das Feuilleton. Warum? Weil das Feuilleton nichts erzählt und nichts bedenkt, weil es im Gegensatz zur Glosse oder Kolumne keine Pointe kennt und keine Moral von der Geschicht, weil der Autor in jeder Zeile gegenwärtig und doch am Ende zwischen den Zeilen verschwunden sein muss. Weil ein Feuilleton ein textlicher Schwebezustand ist, ein vages Nichts, das exakt alles enthält: Leitartikel, Reportage, Kritik, historische Betrachtung. Dieser Prozess, sein Geheimnis, aus intensiver Welt- & Selbstwahrnehmung einen Text im Tone völligen Unbeteiligtseins herzustellen, lässt sich auf keiner Journalistenschule lernen. Aber sein Ergebnis zum Beispiel in diesem Büchlein studieren.

Detlef Kuhlbrodt heißt der Mann, ein Berliner aus Holstein, aus Matthias Claudius’ Land. Die meisten seiner Feuilletons sind für die Berlin-Seiten der tageszeitung entstanden. Keine Stimmungsbilder aus dem Milljöh. Auch keine lustigen Abenteuer: mit den Kindern im Zoo oder eine piquante Begegnung mit A. Merkel im Bade. Keine elegisch zitternde Mitte-, keine turboironische Zilleprosa, sondern Feuilletons eben, ganz aus dem Augenblick, dem Ort (Kreuzberg, Neukölln), der Zeit (2001 bis 2007), der Generation (Jahrgang 1961) heraus geschrieben und zugleich wie aus weiter Ferne.

Die Straßen und Schauplätze sind benannt und vertraut, Skalitzer und Prinzenbad, die Eckkneipe, in der »Dienstag’s und Donnerstag’s Baci und Futschitag« ist und »Freitag’s und Samstag’s Schnap’s-Tag«, und das Raucherasyl auf der Krankenhausstation: »Das Zimmer sah aus wie ein Verhörraum aus einem osteuropäischen Film.« Kuhlbrodt aber zitiert sie nur als Bilder, wie er die eigenen Sorgen und Lebensumstände zitiert. Als Satire-, als Pointenmaterial interessiert ihn das alles nicht.

Die Anfänge überraschen oder tun so, als wollten sie überraschen. Sie deuten auf eine Geschichte hin, die nicht folgt. »Etwas war verlorengegangen, wie immer zu Beginn des Frühlings. Diesmal die Brieftasche.« Aus dem Verlust entwickelt sich nun eine kafkaeske resp. gogolsche Beamtengeschichte, die der Autor als eine Schnurre zu erzählen scheint, um dann, lakonisch in vier Sätzen, mit dem Tod des eigenen Vaters zu enden. »Er hatte, glaube ich, nur einmal in seinem Leben etwas verloren.«

Verloren gegangen ist – »zu Beginn des Frühlings« – nicht die Brieftasche, sondern der Vater. Verloren gegangen ist in dem Moment, in dem das Leben zurückkehrt, das Leben. Einzigen Trost, einzigen Halt im Sog des Nichts gibt allein die Beamtenwelt und das Glück der Bürokratie.

Wie in den Fin-de-Siècle-Skizzen des Wiener Meisters Peter Altenberg spricht mal das Kind (»U-Bahnfahren im Winter ist super«), mal der Lebenskünstler (»Es stimmt einen immer recht wehmütig, in der Nacht mit Igeln zu sprechen«), mal der Weise aus der Tonne (»Eigentlich ist es ganz schön, dass jeder Zitat eines anderen ist«) und mal der eichendorffsche Jüngling: »Plötzlich war es sonnig schon am Morgen, ich schaute hinaus und sah den sonnigen Tag oder doch zumindest den Abdruck der Sonne auf der Wand des Hauses auf der anderen Straßenseite, die an anderen Tagen so schmutzig weiß und häßlich war. Kurz dachte ich: ›Was für ein schöner Tag! Ich sollte doch vielleicht mal wieder hinausgehen.‹«