Was kann man als Kind Aufregenderes erleben als einen handfesten Fälscherskandal? Maike ist mit ihrer Schulklasse da und wuselt zwischen den acht in Glasvitrinen stehenden mannshohen Terrakotta-Soldaten hin und her. "Die ist gefälscht, die aber nicht", verkündet sie und zeigt auf die versteckt verkeilten Holzstücke im Ärmel des "Tonkriegers mit Lamellenpanzer", die sie für ein untrügliches Unterscheidungsmerkmal hält. Demnach wären drei der acht Terrakotta-Soldaten billige Imitate.

Mit dieser Ansicht, obwohl sie nicht ganz zutrifft, ist Maike doch den ungefähr 10.000 Besuchern weit voraus, die im Verlauf der vergangenen Wochen im Hamburger Völkerkundemuseum die Ausstellung Macht im Tod – Die Terrakotta-Armee des Ersten Kaisers von China bestaunt haben. Sie hielten die Figuren für echt, was ihnen insofern nicht vorzuwerfen ist, als auch Museumsdirektor Wulf Köpke es nicht besser wusste. "Hundertprozentig", versichert Köpke, sei er davon ausgegangen, seinem Publikum echte Vertreter jener 7278 für die Ewigkeit geschaffenen Krieger vorsetzen zu können, die der Gottkaiser Quin Shihuangdi vor mehr als zwei Jahrtausenden mit ins Grab genommen hatte.

Und nun diese Blamage! "Illegale Kopien" seien das, tönt es aus China. Und genüsslich erhebt das staatliche Amt für die Verwaltung von Kulturgütern im fernen Peking einen Vorwurf, der gewöhnlich aus anderen Teilen der Welt mit Blick auf modernere Kulturgüter in umgekehrter Richtung vorgetragen wird: "Hier scheint es ein Problem mit dem Schutz von Urheberrechten zu geben."

Als Erster hat Roland Freyer den Fälschungsvorwurf erhoben, der Organisator einer Ausstellung echter Terrakotta-Soldaten, die vor einem Jahr in Leipzig zu sehen war. Er sei der Einzige, der außer den zuständigen chinesischen Behörden Exponate der Terrakotta-Armee in Europa ausstellen dürfe, versichert Freyer. "Das Hamburger Völkerkundemuseum hat keine gültigen Papiere."

Fälschung, Plagiat, Verstoß gegen Urheberrechte – all diesen Vorwürfen sieht sich nun ausgerechnet das Völkerkundemuseum Hamburg ausgesetzt, eines der – bis dato – renommiertesten Häuser seiner Art in Europa. "Wir sind Champions League", sagt Museumsdirektor Köpke trotzig. "Und das wollen wir auch bleiben."

Aber darf es sich ein Museum mit solchem Anspruch wirklich erlauben, sein Publikum wochenlang in die Irre zu führen und dann, wenn Zweifel an den Exponaten laut werden, die Ausstellung lediglich durch einen vagen Hinweis zu ergänzen: Man könne nicht dafür bürgen, dass es sich um Originale handele – so steht es nun sinngemäß auf einem Zettel, den der Direktor an die Mueumstür geklebt hat. "Wir können gar nicht selbst prüfen, ob die Krieger echt sind", verteidigt sich Köpke.